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Boko Haram, der Islam und wir

veröffentlicht um 25.08.2014, 06:49 von Ulrich Seibert
National Geographic Deutschland, September 2014
Ein traditionelles Magazin US-amerikanischer Provenienz, das den Finger mit einer solchen Deutlichkeit in die Wunde legt wie der Artikel in der National Geographic vom September 2014, ist eine absolute Rarität, die durchaus einen BLOG-Eintrag wert ist, selbst wenn die eigentlich erforderlichen gedanklichen Konsequenzen wie in westlichen Medien allgemein üblich leider wieder einmal … unter den Tisch fallen. Bei Matthäus 13:9 heißt es: „Wer Ohren hat zu hören, höre“. Da Sehen und Hören rein sensorische Angelegenheiten sind und der eigentlich relevante Vorgang die Verarbeitung des Wahrgenommenen ist, dürfte die Umdeutung zu dem Satz „Wer ein Gehirn hat zu denken, denke!“ selbst in Kirchenkreisen unbestritten bleiben. Wer dem Gebot Jesu folgt, darf also getrost selbst weiterdenken.

Der Verdienst des Artikels liegt darin, anschaulich und mit Fakten und Beispielen belegt am Beispiel der Gruppe Boko Haram darzustellen, warum radikal-islamische Gruppierungen von Afrika bis Fernost einen solchen Zulauf erfahren, dass sie letztlich sogar in der Lage sind, ganze Staaten wie Nigeria, den Irak oder Syrien herauszufordern und womöglich in die Knie zu zwingen. Insbesondere zeigt der Artikel, dass es nur vordergründig um Religion oder religiösen Wahn geht. Die Wahrheit steckt wesentlich tiefer, sie ist bedrohlicher und potenziell tödlicher und wir selbst – jeder einzelne von uns – ist, wenn auch zumeist unwillentlich und unwissentlich, ein Teil dieser Wahrheit.

Wenn es nicht um Religion geht, worum geht es dann? Es geht, wie fast immer, um Geld, um Wirtschaft, genauer, um die Verteilung der Erträge. Es geht um dasselbe Prinzip, das Jesus ein paar Zeilen nach dem obigen Zitat geschildert hat und das nach über 2.000 Jahren in der globalisierten, kapitalistischen Weltwirtschaft von heute mehr denn je Gültigkeit hat: „denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; wer aber nicht hat, von dem wird selbst, was er hat, genommen werden.“ Zugegeben, ich habe das Zitat aus Matthäus 13:12 aus dem Zusammenhang gerissen, denn es bezieht sich dort nicht auf wirtschaftliche Güter, sondern auf solche des Geistes und der Erkenntnis. Gültig ist es hingegen heute durchaus, gerade in wirtschaftlicher Hinsicht. Dies betrifft Länder auf der einen Seite (steigender Wohlstand in reichen Ländern, steigende Verelendung in armen) und Bevölkerungsgruppen innerhalb von Ländern auf der anderen Seite (Stichwort Armutsschere).

Zurück zum Artikel: Nigeria sei der fünftgrößte Erdöl-Exporteur der Welt, heißt es dort. Dennoch lebten zwei Drittel der Bevölkerung in Armut, insbesondere im (überwiegend muslimisch geprägten) Norden des Landes. Mit anderen Worten: Reichtum wäre zwar da, kommt bei den allermeisten Bewohnern des Landes aber nicht an. Unterernährung und daraus resultierende Degeneration wären an der Tagesordnung, Korruption fördert Ungerechtigkeiten am laufenden Band, Stammes- und religiöse Fehden sorgen für ein Klima der ständigen Bedrohung.

Und wer tut etwas dagegen? Wer interessiert sich dafür? Die Weltpolizei USA? Die UN? Der Papst? Frau Merkel? Falls ja, sind deren Stimmchen in diesem Fall jedenfalls so leise, dass sie nicht gehört werden. Was tun die Betroffenen also? Das Natürlichste der Welt, das was alle Unterdrückten schon immer getan haben: Sie organisieren sich, sie scharen sich um Leute, die ihnen versprechen, sie in eine bessere Welt zu führen. Und wie reagieren die etablierten Regierungen? Mit noch mehr Waffen, Restriktionen, Gewalt und sie können dabei auf die Hilfe der westlichen Nationen und auf unsere berechtigte Entrüstung pochen, wenn beispielsweise 276 unschuldige Schulmädchen entführt und als Sklavinnen verkauft werden sollen. So verhärten sich die Fronten. Das eigentliche Problem, nämlich dass weite Teile der Bevölkerung in immer noch elenderen Zuständen (über)leben müssen, während andere, wenige, gar nicht wissen, wohin mit ihrem Reichtum, dieses Problem wird von niemandem angegangen. Daher muss man kein Prophet sein, um zu sehen, wohin diese Entwicklung zwangsläufig führen muss: zur Ausweitung von Gewalt, zu einer Spirale des Tötens und der Unterdrückung, die niemand mehr kontrollieren oder beherrschen kann. Wo diese Spirale enden wird? Ich mag es mir gar nicht ausmalen.

Warum nimmt sich dieses Problems niemand an, wo es doch so vielen gebildete Menschen klar vor Augen steht beziehungsweise stehen müsste? Weil man in der Konsequenz Zweifel entwickeln müsste an der langfristigen Funktionsfähigkeit des Kapitalismus selbst. Und warum sind solche Zweifel nicht erlaubt? Um die Reichen zu schützen? Vielleicht auch. In erster Linie aber deswegen, weil bisher kein einziger funktionsfähiger Gegenentwurf zu unserer jetzigen Gesellschafts„ordnung“ gefunden wurde. Kommunismus? Hat versagt. Real existierender Sozialismus? Bankrott! Planwirtschaft? Hat noch nie funktioniert. Kapitalismus dagegen funktioniert, und zwar aus dem Grund, weil er die schlechten Eigenschaften des Menschen – Gier, Neid, Machthunger – nutzt und diese in Produktivität umwandelt. Für uns Westeuropäer funktioniert der Kapitalismus, weil wir alle, selbst der Ärmste von uns, in der Regel jeden Tag satt werden und einen Fernseher zu Hause stehen haben. Beispielsweise der Kommunismus setzt im Gegenzug auf die guten Eigenschaften der Menschen – Zusammenarbeit, Solidarität, Mitgefühl – und ist daher gescheitert. Soviel zu der Tatsache, dass positives Denken zu positiven Resultaten führt …

Deshalb ist Kapitalismus und Profitstreben in der sogenannten Ersten Welt (und längst darüber hinaus) eine heilige Kuh geworden. Es gilt bereits als Sünde und Verbrechen, über das Schlachten derselben auch nur nachzudenken (Vielleicht sollten Sie jetzt lieber aufhören zu lesen, um Ihres Seelenheils wegen … ;-) ).

Nun, andere denken darüber nach, insbesondere Menschen in den Ländern, die von dem Wohlstand und der Entwicklung in den USA und in Europa abgehängt worden sind. Man denke an die Geschichte des Iran, in dem alles so „ordentlich geregelt“ war, bis Ayatollah Khomeini 1978 die Macht übernahm. Wer mit der jüngeren Geschichte des Iran nicht vertraut ist, mag sich den Roman „Eskander“ der Schriftstellerin Siba Shakib zu Gemüte führen: die abwechslungsreich und spannend geschriebene Geschichte eines persischen „Forrest Gumps“, der uns als ungebildeter aber nicht dummer Simpel durch die Zeit von der britischen Beherrschung  Irans Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts bis in die Zeit der Revolution führt. Immer waren es andere, die am persischen Öl verdient haben, überwiegend Briten, Russen, Amerikaner, bis irgendwann im Jahr 1978 das Fass überlief und die Iraner sich zurückholten, was ihnen gehörte: ihr eigenes Land und dessen Ressourcen.

Warum ausgerechnet Ayatollah Khomeini? Warum heute die Gruppen al-Qaida, IS oder Boko Haram? Warum extrem-islamistische Gruppierungen? Weil der Islam nicht nur eine Religion ist, er ist ein Gegenentwurf zu unserem westlichen Weltbild, zu unserer Wirtschaftsordnung. Der Islam verspricht die Gleichheit der Menschen vor Gott, vor islamischen Gerichten und Regierungen. Laut Islam soll den Armen nicht genommen, sondern gegeben werden. Wenn der Islam kommt, kommt Gerechtigkeit. Welch Verheißung in den Ohren derjenigen, denen nichts geblieben ist, nicht einmal die Hoffnung, dass es den eigenen Kindern einst besser gehen wird … wenn sich nicht etwas drastisch ändert. Die Führer radikal-islamischer Gruppen versprechen solche Änderungen und … sie handeln.

Ob die versprochenen Segnungen – Gleichheit, Gerechtigkeit, Ende der Armut – kommen werden, ob das Gesellschaftssystem des Islam funktionieren kann, sei einmal dahingestellt. Ich weiß es nicht, kann es mir offen gestanden auch nicht vorstellen. Unter den Muslimen gibt es ebenso viele Gierige, Geizige, Machthungrige wie in jedem anderen Kulturkreis auch. Korruption gehört nicht zu den „Errungenschaften“, die beispielsweise im Osmanischen Reich oder anderen islamischen Ländern abgeschafft worden wären, ganz im Gegenteil. Der Islam wird als Gegenentwurf zum Kapitalismus meines Erachtens mindestens genau so eine Bauchlandung hinlegen wie der Kommunismus. Im Moment gibt er den Entrechteten in den genannten Regionen aber Hoffnung. Deshalb erfährt er eine solche Unterstützung. Der Koran wird zum greifbaren Symbol im Kampf gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit, mithin gegen die Amerikaner und … uns.

Wir – der Westen – täten gut daran, nicht länger wegzusehen und aufzuhören, mit immer mehr Waffenlieferungen wie jetzt an die Kurden  die tödliche Spirale weiter anzuheizen. (Moment mal: Ist die PKK – die Arbeiterpartei Kurdistans – in Deutschland 2008 nicht zu einer terroristischen Vereinigung erklärt worden? Bedeutet das, dass wir inzwischen eine terroristische Vereinigung aufrüsten, um eine andere zu bekämpfen? Sind wir noch zu retten?)

Die einzige Lösung, um diesem globalen Konflikt zu entkommen, um die Spirale aus Gewalt zu unterbrechen, wird sein, dass wir das Lebensrecht und das Recht auf ein angemessenes Einkommen aller Menschen dieses Planeten anerkennen. Das bedeutet im Prinzip nichts anderes, dass wir auf einen Teil des Kuchens verzichten müssten, freiwillig. Wenn wir auf beispielsweise Fischfang vor den Küsten Afrikas (und anderswo) verzichten, bekommen die einheimischen Fischer dort mit der Zeit wieder eine Lebensgrundlage. Die Konsequenz für uns: Fisch würde deutlich teurer werden. (Zunächst. Mit der Zeit würden findige Unternehmer den Rückgang der Fischereierträge durch Fischfarmen ausgleichen) Rohstoffe würden erst einmal deutlich teurer werden, Nahrungsmittel ebenfalls. Der Unterhalt des BMWs für den Nachwuchs würde für viele unerschwinglich werden. Das wäre der Preis, den wir zahlen müssten für eine gerechtere Wirtschaftsordnung. Wer genug zu essen hat und seine Kinder auf eine gute Schule schicken kann, der wird sich nicht mehr radikalisieren lassen. Er muss auch nicht mehr in fremde Länder fliehen, um dort Asyl zu beantragen.

Die Lösung ist an und für sich nicht sonderlich kompliziert. Und dennoch sehe schwarz, dass sich jemals jemand an die Umsetzung wagen wird: Man müsste den eigenen Wählern erklären, dass man nicht weniger vorhabe, als sie eines Teils ihres gewohnten Lebensstandards zu berauben. Welche Partei, welcher Politiker hätte dazu den Mut? Eben.

Das Recht des Stärkeren funktioniert für uns nur noch, solange wir selbst die Stärkeren sind. Das Kräfteverhältnis kann sich aber ändern. Warten wir also ab, bis die Unzufriedenen sich holen, was wir ihnen nicht freiwillig geben wollen… Wer weiß, vielleicht lassen sie uns ja sogar am Leben …
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