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Die Angst-Gesellschaft

veröffentlicht um 19.03.2019, 05:03 von Ulrich Seibert
Wir leben in Deutschland heute ohne jeden Zweifel in der sichersten aller Zivilisationen. Wenn wir auf die Straße gehen, müssen wir nicht Angst haben, unversehens von einem Raubtier angefallen zu werden. Einen Raubüberfall haben ebenfalls nur die wenigsten von uns schon erlebt. In Europa erleben wir die längste Friedensperiode seit Menschengedenken. Unsere Lebenserwartung ist so hoch wie nie. Wenn wir uns verletzen, werden wir innerhalb kürzester Zeit medizinisch kompetent versorgt. Missernten gibt es lokal noch, aber das kann durch den Import von Lebensmitteln aus anderen Ländern ausgeglichen werden.

Warum, zum Henker, haben wir dann so viel ANGST? Wo immer man hinblickt, reagieren Menschen panisch und / oder hysterisch.

Wir haben ANGST vor islamistischen Anschlägen. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, durch den eigenen Kugelschreiber ums Leben zu kommen, ein Vielfaches höher als die, islamistischem Terror zum Opfer zu fallen. Ernsthaft! 

Wir haben ANGST vor Zutaten in Lebensmitteln, wir vermeiden Laktose und Gluten, im Salz darf kein Fluorid mehr sein, Aluminium in der Verpackung fördert Alzheimer. Was jahrzehntelang kein Problem war, wird plötzlich zur als existenziell wahrgenommenen Frage.

Der Wolf ist zurück ... und mit ihm die Menschen, die ihn sofort wieder abknallen wollen, wo auch immer er auftaucht. Auch die Kegelrobbe wurde wieder gesehen. Prompt melden Fischer sich und fordern das Keulen aus ANGST, dass die Tiere ihnen die letzten verbliebenen Fische wegfressen.

Es geht schon in der Schule los. Die Kinder haben ANGST davor, nicht den Ansprüchen anderer zu genügen, weil sie keine Idealfigur haben, nicht dieses oder jenes Handy oder nicht die "angesagten" Klamotten. Als Erwachsene setzt es sich fort, dass wir ANGST haben, nicht für voll genommen zu werden, wenn wir uns nicht gewisse Statussymbole aneignen können.

Allerorten steht Sagrotan herum, damit unsere Umgebung immer schön sauber und keimfrei bleibt, weil wir ANGST haben vor Bakterien und den Krankheiten, die sie verbreiten könnten. Wir haben ANGST, dass unsere Kinder allein in die Schule gehen und fahren sie lieber mit dem SUV hin. Wir haben ANGST, dass "die Roten" an die Macht kommen und alles ändern und alles zerstören, was uns lieb und teuer ist. Die Versicherungs- und die Pharmabranche, zwei Branchen, die überwiegend von der ANGST leben, die erste von der Angst vor Unglücken / der Zukunft und die zweite von der ANGST um die Gesundheit, boomen wie verrückt. Wir haben ANGST vor dem Alter und verfallen in einen Jugendlichkeitswahn, ganz so, als ob glaubten, dass wir damit die Zeit übertölpeln können.

Nicht, dass es nicht auch echte Gründe für Angst gäbe. Wenn zum Beispiel mein Verleger Angst davor hat, dass mein neues Buch ein Flop werden könnte, ist das in meinen Augen durchaus verständlich. Er steckt eine Menge Geld in die Produktion und Vermarktung eines Werks und es hängt u.a. von einer ganzen Reihe von Zufällen ab, ob es auf dem Markt gut aufgenommen wird oder nicht ... Zufälle, die er zum Teil, aber überwiegend eher nicht beeinflussen kann. Und bei einem kleineren Verlag birgt jeder Flop auch eine Gefahr für die Existenz des Verlegers. Ein Krieg birgt ebenfalls eine erhebliche echte Gefahr, ebenso wie der übermäßige Verbrauch von Ressourcen des Planeten oder übermäßige Umweltverschmutzung oder der Klimawandel, denn diese Aspekte wirken unmittelbar auf die Lebensgrundlagen der Menschheit ein.

Und doch ... den vermeintlichen Gefahren widmen wir weitaus mehr Besorgnis als den echten. Wir fürchten uns vor Ausländern und wählen rechtsextreme Parteien, von denen wir wissen, dass sie Ausländer möglichst raushauen wollen. Und riskieren damit eine rechtsextreme Regierung. Nun ist es nicht so, dass wir nicht aus der Geschichte wüssten, wohin es führen wird, wenn Rechtsextremisten an die Macht kommen ... Aber wir riskieren es trotzdem, weil die irrationale ANGST vor dem Fremden als bedrohlicher empfunden wird als die Auswirkungen einer Nazi-Diktatur. Viel realeren Gefahren wie dem Autoverkehr, Nikotin und Alkohol begegnen wir nicht mit Gesetzen, aber in Brandenburg beschließt selbst eine linke Regierung ein neues Polizeiaufgabengesetz, in dem Grundrechte relativiert werden (Gefährderhaft), um "besorgten Bürgern" ein Gefühl von mehr Sicherheit zu geben. Politiker wie Trump, Orban, Erdogan, Kurz und viele andere, die vor allem durch das Schüren von ANGST in ihre Positionen gewählt wurden, haben Hochkonjunktur. Dabei sollten wir viel eher Angst haben vor dem, was solche Leute mit ihrer Macht anstellen ...

Warum haben wir so viel Angst vor vermeintlichen Gefahren und so wenig vor den ... echten?

Könnte es vielleicht an diesem Lehrsatz der Macht liegen? "Wer deine Ängste kontrolliert, kontrolliert dich."
Wer sich die Werbung in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ansieht, der bekommt tatsächlich eine Ahnung davon, was da abgeht. Die Werbung dort wird überwiegend von der Pharmaindustrie geschaltet und in einer Tour macht sie Angst, dass unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden den Bach heruntergehen, wenn wir nicht dieses oder jenes Präparat zu uns nehmen. ANGST ist ein Geschäft!
Längst haben Politiker erkannt, dass man mit ANGST auch Wählerstimmen auf sich vereinen kann. Daher wird ANGST ganz gezielt genutzt, DICH zu manipulieren, damit du Politikern / Maßnahmen zustimmst, denen du ansonsten - bei Angstfreiheit - nicht viel abgewinnen könntest.

Wie sagte der große Jedi-Meister Yoda einst: "Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid."

Und in einer Lektion zu seinem Schüler Luke Skywalker: "Die Kraft fließt einem Jedi von der Macht zu. Aber hüte dich vor der dunklen Seite der Macht. Zorn, Furcht, Aggressivität, die dunklen Seiten der Macht sind sie. Besitz ergreifen sie leicht von dir. Folgst du einmal diesem dunklen Pfad, beherrschen wird auf ewig die dunkle Seite dein Geschick. Verzehren wird sie dich, wie einst den Schüler von Obi-Wan."
"Vader... Ist die dunkle Seite stärker?"
"Nein! Nein. Nein. Schneller, leichter, verführerischer."
"Aber wie kann ich die gute Seite von der schlechten unterscheiden?"
"Erkennen wirst du es. Wenn du Ruhe bewahrst. Und Frieden. Passiv. Ein Jedi benutzt die Macht für das Wissen, zur Verteidigung. Niemals zum Angriff."

Nun, wie es aussieht, ist die dunkle Seite der Macht stark geworden in dieser Gesellschaft. Solange wir uns durch sie den Blick auf die Dinge vernebeln lassen, werden wir diese nicht klar erkennen und weiterhin die falschen Entscheidungen treffen. Es wird wohl höchste Zeit für etwas mehr ... Gelassenheit!
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