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Dürfen Muslime uns verbieten, am Islam zu zweifeln?

veröffentlicht um 28.10.2020, 04:11 von Ulrich Seibert   [ aktualisiert: 28.10.2020, 04:33 ]
In Frankreich haben Muslime in Bezug auf die Mohammed-Karikaturen, wegen derer kürzlich ein französischer Lehrer enthauptet wurde, gefordert, dass Frankreich, um eine gewisse Brüderlichkeit zu seinen muslimischen Mitbewohnern zu bewahren, auf gewisse Rechte verzichten solle. Läuft es in diesem Kulturkampf also darauf hinaus: Entweder wir bewahren uns die Meinungsfreiheit, riskieren damit aber, eine ganze Minderheitengruppe zu beleidigen? Wie weit darf oder muss unsere Toleranz gehen, um die Gegensätze miteinander zu versöhnen?

Im Gegensatz zu Frankreich ist Deutschland nicht gerade ein Musterbeispiel für gelebte Laizität, also eine strikte Trennung zwischen Staat und Religion. Unter Demokratiegesichtspunkten einerseits, aber auch unter Gleichwertigkeits- und Gleichbehandlungsgrundsätzen andererseits müsste Laizität eigentlich das Ideal eines jeden Staats sein, der sich der Demokratie verpflichtet fühlt. Daran kann es keinen Zweifel geben. Denn wenn eine oder auch mehrere Religionen „gleicher“ als andere sind, um es mit George Orwell zu formulieren, dadurch, dass zum Beispiel eine Religion durch speziellen Unterricht gefördert wird oder dadurch, dass der Staat für eine Religionsgemeinschaft eigene Steuern eintreibt, entsteht ein Ungleichgewicht, verändert dies den Einfluss bestimmter Religionen beziehungsweise ihrer „Würdenträger“ und dies widerspricht der Gleichwertigkeit der Religionen und in gewisser Weise damit auch der Religionsfreiheit. Und doch könnte der Spalt, der durch die Gesellschaft geht, in Frankreich, aber auch in Deutschland, durch diesen Konflikt durchaus noch größer werden.

Eine schwierige Situation. Einerseits wollen wir ganz sicher niemanden bewusst beleidigen. Auch habe ich muslimische Freunde, die ich sehr schätze und daher schon gar nicht beleidigen möchte.

Andererseits möchte ich auch die Religionsfreiheit nicht missen und diese sehe ich gerade in großer Gefahr. Nicht, weil ich ein religiöser Mensch wäre. Sondern ganz im Gegenteil, gerade, weil ich persönlich mit keiner Religion etwas anfangen kann. Gut, das sollte ich präziser formulieren: Ich schätze Religionen prinzipiell sehr, denn sie können sehr viele Menschen dabei unterstützen, ihren moralischen Kompass auszurichten, sie können ihnen auch die Angst vor dem Tod nehmen, ihnen die Pflicht zur gelebten Empathie auferlegen und ihnen ein Gefühl der Verbundenheit mit der Gesellschaft, in der sie leben, vermitteln. Religionen, zumal die großen Weltreligionen, deren Hauptbotschaft die Liebe und der Respekt anderen gegenüber ist, könnte ein positiver Effekt kaum abgesprochen werden … wären da nicht die vielen Menschen, die schon immer in der Geschichte der Menschheit – zum großen Teil erfolgreich – versucht haben, Religion dafür zu missbrauchen, andere Menschen für ihre eigenen Zwecke und Machtgelüste zu manipulieren und Religion als ihr persönliches Machtwerkzeug zu missbrauchen. Diesen stehe ich höchst kritisch gegenüber, egal ob es sich um Muslime, indische Gurus oder Würdenträger aus dem Vatikan handelt. Und ich spiele damit auf niemanden Konkreten an.

Warum fühle ich als areligiöser Mensch mich also bedroht von einer Einschränkung der Religionsfreiheit?

Weil Religionsfreiheit nicht nur bedeutet, nach Herzenswunsch einer Religion anzuhängen und sei sie in den Augen Anderer auch noch so abstrus. Sie bedeutet auch und vor allem, an einer Religion zweifeln zu dürfen. Und zwar an jeder Religion, am Judentum, am Christentum, am Hinduismus et cetera et cetera. Auch am Islam und an der Übermittlung der göttlichen Botschaft an Mohammed durch den Erzengel Gabriel! Und wer den Zweifel zulassen will, muss, wenn ihm die Meinungsfreiheit mindestens ebenso wichtig ist wie die Religionsfreiheit, auch zulassen, dass dieser Zweifel öffentlich artikuliert werden darf. Und es darf auch keine Beschränkung geben in der Art und Weise, wie solche Zweifel artikuliert werden. Unter diesen Gesichtspunkten sehe ich Macron völlig im Recht, wenn er am Recht auf Meinungs- und Religionsfreiheit, die das Recht Karikaturen von Mohammed, Jesus oder Moses anzufertigen, einschließen, verteidigt. Es ist auch sein Job als Präsident, die Verfassung seines Landes zu schützen.

Nur haben wir dann wieder das Problem, dass wir unsere muslimischen Schwestern und Brüder (und ich meine diese Begriffe nicht ironisch!) damit beleidigen, ohne es eigentlich zu wollen. Karikaturen von Religionsstiftern und religiösen Sitten hat es immer gegeben. Beispielsweise im Satire-Magazin MAD gab es in meiner Jugend Dutzende von Karikaturen über Moses und die Teilung des Meeres oder Noah und seine Arche und ich habe nie vernommen, dass der Zentralrat der Juden sich darüber echauffiert hätte. Den Monty-Python-Film „Das Leben des Brian“, das man durchaus auch als eine Jesus-Karikatur sehen kann, führte zwar zu Kontroversen und auch zu wütenden Protesten religiöser Eiferer, aber letztlich haben sich die Kirchen auf einen liberalen Standpunkt dazu zurückgezogen. Und das war gut so, nicht nur, weil dieser Film wirklich lustig ist.

Nur … viele Muslime haben überwiegend damit ein Problem, dass Mohammed karikiert wird (ich kenne selbst einen, der damit nicht das geringste Problem hat, man möge sich also vor Verallgemeinerung hüten). Sie haben damit aber auch ein Problem am Zweifel Andersgläubiger. Und mit dem Verbot, einen solchen Zweifel zu äußern, wollen sie, bewusst oder unbewusst, ihre eigene Religion für sakrosankt erklären und ihr auf die Weise einen höheren Status verschaffen als allen anderen Religionen. Verständlich aus Sicht der Anhänger einer Religion, aber auch legitim?

Liebe Muslime, entschuldigt bitte, aber das geht nicht. Das Recht, einen solchen Sonderstatus für euch und euren Glauben zu fordern, habt ihr in einer Demokratie, die sich ihre Spielregeln im Wesentlichen selbst gegeben hat und nach diesen leben möchte, einfach nicht. In Ländern, in denen ihr die Spielregeln bestimmt und solche Regeln in eure Verfassungen schreiben könnt, tut es immerhin. Ich fände es zwar nicht gut, aber es ist ja eure Verfassung und eure Regeln, nach denen ihr mehrheitlich leben wollt. Denkt dabei aber bitte daran, dass echte Demokratie nicht nur das Diktat der Mehrheit bedeutet, sondern auch den Schutz von Minderheiten berücksichtigt. 

Auch hierzulande gilt Minderheitenschutz und auch wir haben euch als Minderheit zu respektieren. Was wir auch gerne tun. Aber nicht auf Kosten unserer verfassungsmäßigen Freiheiten. Diese sind ein zu hohes Gut, um es auf dem Parkett der Eitelkeiten zu opfern. Intoleranz zu tolerieren, wird immer nur den Effekt haben, die Toleranz letztlich abzuschaffen. Wollt ihr das wirklich? Die gesellschaftliche Konsequenz könnte nämlich auch sein, dass es gerade die Toleranz gegenüber dem Islam ist, die darunter leidet.

Vielleicht hilft ja doch … eine kleine Prise Humor? Humor kann ein ebenso heilsamer Seelenbalsam sein, wie die Religion. Nur ein nett gemeinter Vorschlag.
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