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Jürgen Todenhöfer: Die große Heuchelei - Rezension einer Lesung

veröffentlicht um 15.04.2019, 06:49 von Ulrich Seibert   [ aktualisiert: 15.04.2019, 06:52 ]
Jürgen Todenhöfer: Die große Heuchelei
Als ich über Facebook von der Lesung Jürgen Todenhöfers in der Münchner Muffathalle erfuhr, musste ich einfach hin. Seit Jahren kenne ich den Journalisten und ehemaligen Politiker als die Stimme des Anstands, als einen Mann, der sich auch um den Preis öffentlicher Ächtung nicht scheut, Ross und Reiter zu nennen, und der mit Menschlichkeit und scharfem Verstand offenlegt, wie "der Westen" in der Welt Chaos und Terror stiftet, wortwörtlich über Leichenberge geht, einerlei, ob das Männer-, Frauen- oder Kinderleichen sind, und das nur, um sich beispielsweise den Zugriff auf preiswerte Rohstoffe zu sichern oder auch nur einem Bündnispartner - wie dem reichen Saudiarabien - mal eben bei einem Überfall auf einen Nachbarn (wie dem Jemen) mit Rat und Tat, vor allem aber auch mit Waffenlieferungen, beizustehen. Wann immer Todenhöfer sich zu Wort meldet, hat das, was er zu sagen hat, Substanz. Zumal dieser Mann seine Informationen und Erkenntnisse - im Gegensatz zu den Allermeisten der schreibenden Zunft (den Autor dieser Zeilen eingeschlossen) - aus allererster Hand hat, weil er die Krisenregionen selbst bereist und mit Beteiligten und Unbeteiligten spricht.

Umso neugieriger war ich auf die Präsentation seines neuen Buches. Wenn ein Mann wie Todenhöfer seinen reichhaltigen Koffer voller Erfahrungen und Erkenntnisse auspackt, muss ja einiges dabei herumkommen. Nach einem theatralischen, (leider!) von martialischer Musik unterlegtem Trailer joggt er beinahe durch die ausverkaufte Muffathalle, um - wie er später gesteht - auf der Bühne zu sein, bevor der Applaus abklingt. Aha. Ist ja eine merkwürdige Priorität ... Aber eine gute Selbstdarstellung ist wohl die halbe Miete.

Zu Beginn plaudert er - wie es bei Lesungen üblich ist - charmant und unverbindlich und gibt den Rahmen vor: erst eine Lesung (dauert etwa zwei Stunden), anschließend Diskussion und Signierungen. Er berichtet von seinen Reisen, die er allein oder mit seinem Sohn, der ebenfalls anwesend ist und später einen eigenen, ergreifenden Text vorliest, in Kriegsgebiete unternommen hat, er berichtet von Tod und Zerstörung und wie sich das anfühlt, wenn man selbst mitten drin steht und Freunde und Angehörige verliert. Er setzt sich an den Tisch und liest ein paar Passagen, um dann wieder abzubrechen und frei weiterzuerzählen, was der Sache aber keinerlei Abbruch tut, eher im Gegenteil. Man merkt, dass er immer noch tief im Geschehen steckt, dass er noch viel mehr zu sagen hat, als der Buchtext hergibt. Dazwischen drin gibt er immer wieder Einblicke in die eigene Biografie, die frühen Reisen, kaum dass er erwachsen geworden ist, die Ernennung zum Ehren-Oberst seitens der US Army, die kurze berufliche Tätigkeit als Strafrichter, das deutlich längere Engagement im Burda-Medienkonzern. Seltsamerweise ... einige Stationen aus dem Leben des Herrn Todenhöfer kommen nicht zur Sprache: Das Bundestagsmandat in den Siebzigern, seine Position als Rechtsaußen in der CDU, seine öffentlich vertretene Position im Falle des Militärputschs in Chile gegen sozialistische Experimente und pro Pinochet oder die Unterstützung der Mudschaheddin gegen die damalige Sowjetunion in Afghanistan, seine Äußerungen zugunsten des Apartheid-Regimes in Südafrika. Nun gut, jeder Mensch hat ein Recht auf Läuterung und auf Änderung seiner Meinung. Allerdings wäre es für den Zuhörer durchaus interessant gewesen, ein paar Einblicke in diese doch recht erstaunliche Wandlung vom "Saulus zum Paulus" zu erhalten. Er spricht auch ausführlich über die Schwierigkeiten, überhaupt in diese Krisenregionen zu gelangen.

Die Passagen, die er liest, sind traurig und ergreifend. Sie zeugen von viel Schmerz, Schrecken und Leid, sie zeugen vom Desinteresse "des Westens" an diesem Leid. Sie beschreiben, wie "der Westen" und speziell die Bundesrepublik von diesen Kriegen profitiert, und sei es nur durch die Lieferung von Waffen an die eine Partei und von "Pflastern" an die andere. Vor allem aber stellt er getreu dem Buchtitel die Heuchelei an den Pranger, mit denen alle Regierungen ihre Kriege rechtfertigen. Diese Heuchelei bestünde darin, dass die Verantwortlichen davon sprächen, wie es darum gelte, unsere Werte zu verteidigen, Werte wie Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit oder Demokratie, während es ihnen in Wirklichkeit nicht um Werte, sondern um Interessen ginge. "Der Westen" sei die heuchlerischste Zivilisation aller Zeiten, denn niemals zuvor würden so viele Kriege immer mit derselben fadenscheinigen Ausrede angezettelt oder unterstützt worden. Jeder auf dieser Welt hätte die Lügen inzwischen durchschaut, der Asiate ebenso wie der afrikanische Schafhirte, jeder, außer den Bewohnern des "Westens" selbst. Dieser laxe Umgang mit Werten würde dazu führen, dass diese beliebig werden würden, dass Menschen und Parteien am rechten Rand sich den Werteverfall für ihre Zwecke zunutze machen würden und dass damit ein Rechtsruck einhergehe, der die Welt noch weiter in den Abgrund zu stoßen vermöge, dass dieser Rechtsruck gar die Kraft hätte, unserer eigenen Zivilisation den Todesstoß zu versetzen. Todenhöfer wiederholt diese These von der Heuchelei der Regierungen und Medien so oft, dass in mir der Verdacht aufsteigt, dass die Lesung, wenn er darauf nur ein- oder zweimal hingewiesen hätte, ohne jeglichen Substanzverlust eine halbe bis ganze Stunde kürzer hätte ausfallen können.

Und dann wird es leider übel. Todenhöfer gleitet hinab auf das Argumentationsniveau einer Pastorentochter. Bitte, die "Pastorentochter" ist hier nicht als Verallgemeinerung gedacht (obwohl mir durchaus einige konkrete Damen in den Sinn kommen ...), sondern als Bild. Er reduziert Kriege auf den Aspekt des Tötens, Folterns und der Zerstörung, auf Leid und Schmerz. Und er kritisiert die Heuchelei, mit deren Hilfe diese Kriege möglich gemacht würden. Als ob das der eigentliche Punkt wäre. Sicher, auf moralisch-menschlicher Ebene kann ich mich mit seinen Ausführungen voll und ganz identifizieren, aber das reicht nicht! Nicht für einen Mann, der über eine solche öffentliche Reichweite verfügt, für einen Mann, dem so viele Menschen zuhören! Er führt sogar auf, wie die Heuchelei seit Menschengedenken, zumindest seit Tacitus fest in der Kriegspropaganda verankert ist. Er belegt anschaulich die Heuchelei in der US-amerikanischen Verfassung von 1776, die die Gleichwertigkeit aller Menschen propagiert, wobei offensichtlich vergessen wurde, zu konkretisieren, dass mit "Menschen" nur reiche Männer von weißer Hautfarbe gemeint wären. Todenhöfer nennt hier nicht Ross und Reiter - und genau das hätte ich gemäß seinen bisherigen Statements gerade nicht erwartet. Das heißt, das stimmt nicht ganz, im Kapitel "Medien" nennt er tatsächlich doch drei Namen von hochrangigen medialen Kriegshetzern. Dass er selbst einst ebenfalls zu diesen gehörte ... wie gesagt, Schwamm drüber! Aber, obwohl er sich nach eigenen Worten ausdrücklich niemals die Lust am Differenzieren nehmen lässt, begeht er die Todsünde, gegen das kleine Einmaleins des Journalismus zu verstoßen. Er drückt sich um die Beantwortung wesentlicher "W-Fragen" herum. Er berichtet über das "was", das "wo" und das "wie", aber über die entscheidenden "W's", nämlich das "wer" und das "warum" schweigt er sich aus. Beziehungsweise er drückt sich mit der gröbst-möglichen Verallgemeinerung darum herum. "Der Westen" sei der Übeltäter (aber nicht nur der). Herr Todenhöfer, ernsthaft, geht's noch? Wer soll denn das sein, "der Westen"? NATO-Generäle? Donald Trump? Das Bundeskabinett? Die Bevölkerung? Die Parteien? WER BITTESCHÖN sind die Verantwortlichen? Wer hat die Macht, solche Entscheidungen zu treffen, gegen den Willen der Bevölkerung und gegen das ausdrückliche Gebot unseres Grundgesetzes? Wessen Interessen dient eine Kriegsbeteiligung? Cui bono? Wer konkret verdient an Waffenlieferungen an Saudi-Arabien eine goldene Nase? Welche Einflussmöglichkeiten nutzen diese Menschen? Sind diese demokratisch legitimiert? Todenhöfer kratzt, wenn überhaupt, nur sehr, sehr oberflächlich an diesen Fragen und, mehr noch, er bekennt, dass er diese, unsere Zivilisation liebt. Doch diese Zivilisation hat ihre Burg nun eben leider auf besagten Leichenbergen errichtet. Wir führen einen imperialen Lebensstil, das heißt, unser Reichtum ist untrennbar verknüpft mit der Armut und Unterdrückung von Menschen in anderen Teilen der Welt. Das war zu Zeiten des römischen Imperiums nicht anders, auch nicht zu Zeiten des britischen Imperiums, wie Todenhöfer selbst am Beispiel der Opiumkriege veranschaulicht. Doch diesen Lebensstil (und damit die Grundstruktur unserer Zivilisation) infrage zu stellen, diesen Lebensstil als Ursache für die Politik "des Westens" zu erkennen, fällt ihm nicht ein. Dafür fehlt ihm ... ja was? Der Mut? Die Einsicht? Die letzte logische Schlussfolgerung in der bis dahin soweit korrekten Kette der Erkenntnisse? Und damit verbaut er sich selbst den einzigen Weg, der gangbar wäre zu einer vielleicht, hoffentlich möglichen Beendigung dieser Situation, einen Weg, den wir gehen müssen, wenn die Menschheit als solche langfristig noch eine Überlebenschance auf diesem Planeten erhalten soll. Denn die gewaltigen Probleme, die in Windeseile auf uns zukommen, kann die Menschheit nur in weltweiter, koordinierter Kooperation, nicht aber im steten Wettbewerb und schon gar nicht im gegenseitigen Abschlachten oder Ausbeuten und Übervorteilen lösen.

Jürgen Todenhöfer hat meines Erachtens seine riesige Chance, die Chance, den Blick einer Menge Menschen in diese Richtung zu lenken, damit leider vertan. Mit Moral allein lässt sich nur schwer argumentieren, schließlich kommt erst das Fressen (und sei es denn Kaviar ...) und dann erst die Moral. Ich bin nach dieser Lesung enttäuscht gegangen, ohne die Diskussion abzuwarten, ohne das Buch zu kaufen oder gar eines signieren zu lassen. Immerhin habe ich heute während des Verfassens dieser Rezension noch einen Blick in das Inhaltsverzeichnis geworfen. Und ich muss gestehen, dass dort einiges mehr geboten zu werden scheint, als die Lesung es vermuten ließ. Lesenswert ist es wohl allemal, schon allein wegen der vielen Eindrücke aus erster Hand, die man nur schwerlich aus anderen Quellen in dieser Konzentration erhält. Doch wenn Jürgen Todenhöfer auf seiner Facebook-Seite zu dem Buch schreibt: "Wenn Wissen eine Waffe ist, dann ist dieses Buch deine Munition", dann ist dies ein hehrer Anspruch; man kann nur hoffen, dass es sich bei dieser Munition nicht nur um Platzpatronen handelt ...

Das Buch: 
Propyläen-Verlag, gebundene Ausgabe, € 19,90
ISBN-13: 978-3549100035
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