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Liebe Muslime,

veröffentlicht um 09.12.2014, 04:49 von Ulrich Seibert
Pegida-Demonstration
Quelle: tagesschau.de/dpa
gestern abend haben sich in Dresden 10.000 Menschen einer Demonstration der sogenannten "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) angeschlossen, unterstützt von der AfD, der NPD und anderen rassistischen Organisationen. Und Dresden war nicht die einzige Stadt ...

Falls ihr denkt, dass dies ein Zeichen dafür ist, dass Deutschland zunehmend fremdenfeindlich und rassistisch wird und dass wieder Zeiten wie im sogenannten "Tausendjährigen Reich" anbrechen würden, dann denke ich nicht, dass dies geschehen wird und kann. Dennoch, nicht nur Rassisten und Ewiggestrige sind gestern mitmarschiert, auch Leute, die der Sozialneid-Hetze der genannten Organisationen auf den Leim gehen  ("Bei unseren Kindern wird immer mehr gekürzt und jedem Asylanten wird das Geld massenweise hinten reingeschoben"), wenden sich verstärkt diesen Rechtsextremen zu (Für eventuelle AfD-Anhänger, die das lesen: Ja, ich zähle auch die AfD zu den Rechtsextremen, denn sie äußert sich immer wieder rassistisch, sowohl in Reden als auch auf Plakaten und sie fischt ganz gezielt im rechtsextremen Wählerspektrum nach Stimmen. Auch wenn Herr Lucke selbst und einige seiner Parteifreunde vielleicht nicht ganz so extrem denken, so hat er sich und seine Partei damit dennoch in diese Ecke manövriert). Die Ängste dieser Leute, insbesondere die Ängste vor dem Islam, gegen den diese Demonstration sich wendete, müssen ernst genommen werden. Auch und gerade von euch Muslimen.

Vor wenigen Tagen erzählte in einer TV-Dokumentation ein Islam-Lehrer an einer deutschen Schule von einem zwölfjährigen Jungen, der ratlos und verzweifelt fragte, warum die Menschen ihn und seine Religion denn so hassen würden.

Nun, ich kann nur für mich sprechen, denke aber, dass viele Menschen ähnlich denken wie ich. Ich hasse den kleinen Jungen natürlich nicht. Ich hasse auch keine Muslime. Ich arbeite momentan mit einigen zusammen, die Muslime in der Firma sind genauso akzeptiert und integriert wie die Christen und Agnostiker (zu denen ich mich zähle). Unter meinen Facebook-Freunden befindet sich ein Muslim, den ich seit meiner Jugend kenne und als humorvollen, warmherzigen, intelligenten Mann sehr (!) schätze. Ich kenne Muslime als Menschen, die diesselben Wünsche, Bedürfnisse, Marotten und Persönlichkeiten haben, wie alle anderen Menschen auch. Der Unterschied zwischen ihnen und mir (und den meisten anderen Deutschen, die ich kenne): Viele von ihnen leben ihre Religion, beten, halten ihre religiösen Gebote ein. Das finde ich nicht nur vollkommen in Ordnung (solange sie nicht andere damit belästigen. Wenn sie allerdings durchsetzen wollten, dass in meiner Nachbarschaft um fünf Uhr früh der Muezzin lautsprecherverstärkt von einem Minarett herunter brüllen sollte, wäre mir das schon nicht mehr so recht... ;-) ), dieses Recht ist sogar vom deutschen Grundgesetz als Grundrecht garantiert.

Was ich dagegen hasse, ist Extremismus um einer Sache oder einer Ideologie willen. Was ich hasse, ist Unmenschlichkeit, ist, wenn Menschen aus hanebüchenen Gründen Leid zugefügt wird, weil andere dadurch ihre Macht, ihren Einfluss, ihren Reichtum oder ihre Ideen gefährdet sehen. Und, liebe Muslime, wenn Amnesty International (oder andere Quellen) von Unmenschlichkeiten berichten, dann stammen diese Fälle leider überwiegend aus islamisch ausgerichteten Ländern. Auch China ist nicht gerade ein Vorbild für Menschenrechte und Kriegs-/Krisengebiete sind auch wieder Fälle für sich, aber die Länder, in denen eure Religion die überwiegende ist (oder als die vorherrschende durchgesetzt werden soll), kommt es verstärkt zu Unmenschlichkeiten. Da wird in Pakistan ein zehnjähriges Mädchen vergewaltigt und dafür sterben soll nicht etwa der Vergewaltiger, ausgerechnet ein Mullah, sondern das kleine Mädchen, weil es "Schande über die Familie gebracht" hätte. In Saudi-Arabien werden (insbesondere ausländische) Hausangestellte großteils wie rechtlose Sklavinnen behandelt und Muslime, die mehr Demokratie fordern, gefangen genommen, gefoltert und teilweise hingerichtet. In Äthiopien wird eine Frau zum Tode verurteilt, weil sie sich zum Christentum bekennt. Ein niederländischer Zeichner wird mit der Todesstrafe belegt und es wird gesagt, dass es die Pflicht eines jeden guten Muslims wäre, diese zu vollstrecken, weil derjenige angeblich Mohammed in einer Karikatur beleidigt hätte.

Was ich mich nun frage, ist: Sind diese Fälle von eurer Religion gedeckt? Ist es Teil eurer Religion, dass das minderjährige Vergewaltigungsopfer sterben muss? Gibt es ein Gebot im Koran, das rechtfertigt, dass Schulmädchen entführt werden und Andersgläubige hingerichtet werden? Falls ja - was ich offen gestanden nicht glaube - dann hassen die Menschen eure Religion wohl zurecht, denn sie ist dann eine Religion der Unmenschlichkeit. Dann müsst ihr wohl oder übel mit diesem Hass leben, wenn ihr euch außerhalb eurer Gemeinschaft bewegt.

Falls dies aber nicht der Fall ist ... Falls ihr euren Propheten als den großen Löwen seht, der die kleine Ameise,  die ihn anpinkelt, nicht einmal zur Kenntnis nimmt und damit auch gar nicht beleidigt werden kann ... Falls ihr denkt, dass der Koran für die Menschen geschrieben wurde und nicht die Menschen in jeder Situation wortwörtlich dem Koran dienen müssen ... Falls ihr denkt, dass der Islam eine Religion des Miteinanders und nicht des Krieges ist ... Falls ihr Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter Missbrauch des Namens Allahs als eine Beleidigung eures Gottes anseht ...
... dann solltet ihr eigentlich empört sein darüber, dass Wahnsinnige und Fehlgeleitete die Welt mit Leid und Blut füllen im Namen eures Gottes! Dann solltet ihr vielleicht eure Stimmen erheben und ausdrücklich erklären, dass all dies nicht im Namen Allahs und seines Propheten geschieht.

Wenn wir eine solche Stimme von euch öfter zu hören bekämen (in Bezug auf die Gräueltaten des sogenannten "Islamischen Staats" war dies der Fall, was mich sehr gefreut hat) und wenn wir dann noch mitbekommen würden, dass islamische Länder wie die Türkei den IS bekämpfen anstatt ihm ungehinderten Durchgang durch ihr Staatsgebiet zu gewähren, dann müssten wir uns vor dem Islam auch etwas weniger fürchten, als viele von uns dies im Moment tun.

Es liegt auch an euch, an jedem einzelnen von euch, dafür zu sorgen, dass sich der Koran und der Islam in den Köpfen eurer Mitbürger nicht als Synonym für Gewalt, Brutalität und mittelalterliches Denken festsetzen. Nicht ich muss eure Religion verteidigen, nicht einmal unsere Regierung oder unser Grundgesetz, ihr selbst müsst das tun.

Ich wünsche uns allen ein gutes und friedliches Miteinander. Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen.

Herzliche Grüße,
Uli
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