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Lieber Gender, liebe Genderin - sprachliche Weiterentwicklung oder Absurdität?

veröffentlicht um 15.10.2015, 03:08 von Ulrich Seibert   [ aktualisiert: 15.10.2015, 03:14 ]

Vermutlich gibt es schon hunderte von Abhandlungen zum Thema Gender, man erlaube mir – einem Anhänger des Selbstdenkens – dennoch meine eigene Variante.

Was wir seit einigen Jahren erleben, ist dass die Damen der Schöpfung immer häufiger gesondert angesprochen werden. Früher waren es nur die „Damen und Herren“ zu Beginn einer Rede. Heute sind es auch die „Bürger und Bürgerinnen“, die „Kölner und die Kölnerinnen“, die „Genossen und die Genossinnen“, und zwar nicht nur zu Beginn einer Rede, sondern auch vermehrt direkt in Kommunikationen – Briefen, Dialogen, Vorträgen – wo dann beispielsweise von den „Hartz IV-Beziehern und -Bezieherinnen“ oder den „Lokführern und Lokführerinnen“ die Rede ist, oder, besonders in schriftlicher Form, abgewandelte Varianten wie GesellschafterInnen oder ähnliche auftauchen. Noch erstaunlicher aus meiner Sicht: Wenn man dieser neuen Art des Sprechens / Schreibens nicht folgt, fühlen einige Mitbürger, Verzeihung, Mitbürger und Mitbürgerinnen, sich ausgegrenzt und abgewertet.

Mit Recht?

Auf den ersten Blick schwer zu sagen. Als jemand, der Tag für Tag mit Sprache arbeitet, sagt mir das Bauchgefühl zunächst einmal, dass hier irgendetwas nicht ganz stimmt, dass hier eine Entwicklung zugange ist, die … okay, ich sage es gerade heraus: Eine Entwicklung, die die Sprache quasi vergewaltigt.

Erst mal ein Bauchgefühl, wie gesagt.
Aber wer weiß, vielleicht bin ich ja auch nur alt geworden. Haben wir in den letzten Jahren womöglich eine Weiterentwicklung unserer Sprache erfahren, die für unser Zusammenleben, für die hoffentlich bald erreichte vollständige Gleichstellung von Mann und Frau essenziell ist? Jedenfalls wäre das dann der Fall, wenn unserer Sprache bisher etwas fehlte, was wir heute brauchen.

Was brauchen wir denn? Eine Sprache sollte in unserer Zeit dem Gedanken der Geschlechtergleichstellung Rechnung tragen. Und offenbar tut die unsere das nicht. Oder doch?

Wie geht unsere Sprache denn mit Geschlechtlichkeit um? Wir benutzen den Genus und davon kennen wir im Wesentlichen drei Ausprägungen: männlich, weiblich und sächlich.
Männlich / Maskulin: Der Mann, der Fisch, der Motor
Weiblich / Feminin: Die Frau, die Biene, die Schraube
Sächlich / Neutrum: Das Känguruh, das Bett

Diese einfachen Beispiele machen eines auf den ersten Blick deutlich: Genus und Sexus sind offenbar zwei unterschiedliche Dinge. „Der“ Fisch, kann ebenso weiblich sein, wie es auch männliche Bienen gibt. Ich versuche – gerade ein wenig abgelenkt und mit Blick auf den Textanfang – mir vorzustellen, wie eine Bienenkönigin ihre politisch korrekte Ansprache beginnen könnte: „Liebe Bienen und Bieninnen …“

Jajaja, ich weiß, sie würde natürlich sagen: „Liebe Bienen und Drohnen“ ...
Aber heißt es nicht … „die Drohne“? Bei Männern?
Aha! Eine klassische Diskriminierung!?
Wohl eher eine sprachliche Asymmetrie, die man auch als Mann nicht zu hoch hängen sollte. Vielleicht bleiben wir besser beim Menschen, denn sonst müssten wir uns jetzt Gedanken darüber machen, warum manche Gegenstände überhaupt einen männlichen respektive weiblichen Genus haben oder brauchen. Warum sagt man „der Fernseher“ und nicht „das Fernseher“? Warum nicht „das Nudel“ statt „die Nudel“. Darüber ließe sich trefflich streiten, wenn auch der Streit völlig müßig wäre, wollte man nicht die ganze Sprache komplett über den Haufen werfen und gleich eine neue konstruieren. Wir halten fest: Genus und Sexus verhalten sich gelegentlich äquivalent zueinander, gelegentlich asymmetrisch, zumeist aber völlig unabhängig voneinander.

Wie ist das beim Menschen? Können wir da immer und ausnahmslos von einer Äquivalenz von Genus und Sexus ausgehen?
Wie ist das, wenn wir von „den Leuten“ sprechen oder von „den Personen“? Welche Geschlechter sind damit gemeint? Richtig, keine spezifischen, anders ausgedrückt, alle.
Wie ist das bei „Sehr geehrte Herren“? Eindeutig, Frauen sind exkludiert, ebenso wie Männer bei der Ansprache „Werte Damen!“.
Wie ist das bei Standardsubstantiven wie zum Beispiel bei Berufsbezeichnungen oder ethnischen Gruppen: Wenn wir von „Türken“ sprechen, sind dann nur die Männer gemeint? Oder soll der Begriff „Landwirt“ etwa implizieren, dass es keine Frauen gibt, die diesen Beruf ausüben? Nicht ganz eindeutig, oder? Bei manchen Berufen / Ethnien ist die Lösung einfach: Der Buschmann ist ein Er, die Buschfrau eine Sie. Der Diplom-Kaufmann ist ein Mann, die Diplom-Kauffrau eine Frau. Wobei es den letzteren Begriff erst seit etwas mehr als zehn Jahren gibt. Dass eine Frau den Titel „…mann“ (oder – schlimmer! – „-männin“!) ebenso wenig gerne trägt, wie der Hausmann die Berufsbezeichnung „…frau“ ist unmittelbar nachvollziehbar, deshalb war diese sprachliche Ergänzung unstreitig absolut notwendig.

Zurück zu den Standardsubstantiven: Wenn die Sprache selbst nicht eindeutig hergibt, ob bei den oben erwähnten „Türken“ wirklich nur die Männer gemeint sind (wir könnten ja auch sagen, „Herzlich willkommen, liebe Türkinnen und Türken!“), müssen wir uns auf den Sprachgebrauch und notfalls auf Analogien zu anderen Sprachen zurückziehen, um auf halbwegs gesichertem Terrain zu stehen.
Bleiben wir doch mal im eigenen Land: Hat schon mal jemand einen Politiker sagen hören: „Liebe Deutsche und Deutschinnen?“ Eher nicht, oder?
Sollen Frauen bei der Anrede „Liebe Deutsche“ ausgeschlossen werden? Eher auch nicht.

Ergo kennt unsere Sprache offenbar die Möglichkeit, mit einem Wort beide Geschlechter (im biologischen Sinne) anzusprechen, ohne Neutrum zu sein. Und in unserem Sprachgebrauch war es Jahrhunderte lang gang und gäbe, beide Geschlechter zu meinen, wenn man Autofahrern (oder Reitern) verbot, in eine bestimmte Straße einzubiegen.

Mal sehen, wie das in anderen Sprachen geregelt ist: Im Englischen spricht man beispielsweise über „workers“. Meint man aus dieser homogenen Menge nur die Frauen, setzt man ein „female“ (oder alternativ ein „male“) vorne dran und schon hat man spezifiziert. Im Spanischen würde man von „los obreros“ sprechen und von „las obreras“ nur dann, wenn man gezielt die Damenwelt aus dieser Gruppe meint. Dito im Französischen. Umgekehrt bietet die Sprache ebenso eine einfache Möglichkeit, gezielt nur die Herren einer ansonsten homogenen Gruppe anzusprechen, zum Beispiel im Deutschen mit „die Arbeiter männlichen Geschlechts“. Auch hier kommt somit kein Geschlecht zu kurz.

Oder?

Wie sieht das denn aus mit Transgendern? Mit Transsexuellen? Mit Zwitterwesen, die es zwar selten, aber doch auch gibt? Mit Transvestiten? Wollen wir die diskriminieren, indem wir uns weigern, einen neuen Genus – oder mehrere – zu schaffen? Sollten wir nicht, um wirklich jede Diskriminierung zu vermeiden, den Titel und die Sprachregelung ergänzen, um – sagen wir – „den Diplom-Kauftransen“ oder sollte es besser heißen heißen „die Diplom-Kauftranse“? Ich fürchte, dass wir uns – unter dem Aspekt einer guten, d.h. richtigen Anwendung der Sprache – auf der Suche nach dem wahren Pfad der political correctness allzu leicht verirren können und damit den Weg bahnen für Modifikationen eines Deutsch, das ich dann nur noch sehr ungerne sprechen würde.

Fazit: Es wurde nachgewiesen, dass eine Anrede mit einer Nationalität, einer Berufsbezeichnung oder einer sonstigen Zugehörigkeit, keine explizite Geschlechtsanrede verbunden ist, auch dann nicht, wenn der sprachliche Genus die männliche Form verwendet. Wir haben aber die Möglichkeit, spezifischer zu werden, wenn wir eine bestimmte Geschlechtsgruppe meinen und ansprechen wollen. Und das ist gut so. Wenn wir das aber nicht wollen, dann reicht die herkömmliche Sprachregelung vollkommen aus, ohne dass damit eine wie auch immer geartete Diskriminierung verbunden ist. Natürlich kann man die weibliche Form mit erwähnen, aber sprachlich gesehen ist es völlig überflüssig. Die zusätzlichen Worte bringen keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn, haben auf den Kommunikationsfluss also lediglich eine hemmende Wirkung ohne den Informationsgehalt zu bereichern. Wer anderer Meinung ist, möge den Gegenbeweis antreten!

Bis dieser erbracht ist, kann meines Erachtens davon ausgegangen werden, dass die Entwicklung, zu jeder Bezeichnung auch gleich die weibliche Form mitzunennen, in den meisten Fällen ein überflüssiges, womöglich gar quasi-religiöses Ritual bedeutet, das die Illusion einer politisch inkorrekten Genderisierung weckt (!!) und damit sogar kontraproduktiv ist, weil sie den unzutreffenden Anschein erweckt, dass mit der „männlichen“ Genusform automatisch eine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts verbunden sei. Wir sollten uns aber daran erinnern, dass Genus nicht gleich Sexus ist. Nur derjenige, dessen Sprachverständnis nicht ausreichend ausgeprägt ist, um einen eindeutigen Unterschied zwischen Genus und Sexus auszumachen, wird überhaupt eine Diskriminierung erkennen können. Einen Beitrag zur fortschreitenden Gleichberechtigung der Geschlechter kann ich in dieser „Gender-Modernisierung“ nicht feststellen. Sollten wir uns allesamt den Befindlichkeiten derjenigen unter uns unterordnen, deren sprachliche Ausbildung womöglich noch unvollständig ist? Ich denke nicht. Insbesondere als jemand, der täglich mit Sprache arbeitet, sehe ich die Notwendigkeit, weiterhin auf dem Pfad der sprachlichen Korrektheit zu wandeln, um vielleicht auf die Weise ein wenig dazu beizutragen, dass Sprache gebraucht, aber nicht missbraucht wird. Immerhin ist Sprache kein Hexenwerk. Verzeihung. HexInnenwerk!
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