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Mal wieder Erdoğan …

veröffentlicht um 14.10.2014, 01:17 von Ulrich Seibert   [ aktualisiert: 14.10.2014, 01:28 ]
Irgendwie merkwürdig, dass diese News trotz ihrer Brisanz bis heute (14.10.2014) nicht von deutschen Medien aufgegriffen wurde …

Recep Tayyip Erdoğan
Es geht dort um eine Rede, die Erdoğan gestern in der Provinz Gaziantep gehalten hat. Zusammenfassend heißt es dort: Die ausländische Einmischung in der Region (Türkei / Syrien / Irak) wäre vergleichbar mit den Taten eines Lawrence von Arabien, dessen Wirken die Aufteilung des Osmanischen Reichs in eine englische und eine französische Einflusssphäre zur Folge gehabt hätte (Sykes-Picot Agreement), was letztlich zu willkürlichen Grenzverläufen zwischen Staaten des nahen Ostens und später zur Gründung des Staates Israel (und zur Vertreibung / Enteignung / dem Tod zahlloser Palästinenser) geführt hätte. Daraus hätten sich all die Konflikte ergeben, die bis heute die Welt in Atem hielten. T.E. Lawrence wäre ein als Araber verkleideter englischer Spion gewesen. Erdoğan beklagte die Existenz vieler moderner Lawrences in der Türkei,  unter der Maske von Journalisten, Autoren, religiösen Menschen oder Terroristen (!).

Daher wäre es Erdoğans Pflicht, dies (die Folgen des Sykes-Picot-Abkommens) zu stoppen.

In dieser Rede steckt sehr viel mehr als auf den ersten Blick erkennbar ist, denn man sollte sie auch im Licht türkischer Politik betrachten: Die Verhaftung westlicher Journalisten, die über eine Kurdendemonstration berichten wollten, das Gewährenlassen der IS, die ungehindert Kämpfer und Waffen durch türkisches Gebiet transportieren und auf der anderen Seite die Behinderung von Hilfsgütern für die Kurden. Man sollte auch nicht außer Acht lassen, dass auch die IS sich die Beseitigung aller Konsequenzen des Sykes-Picot-Abkommens zum Ziel gesetzt hat. Sicher, zwischen der IS und der Türkei dürfte es erhebliche Differenzen geben in der Frage, mit welchen Mitteln dies erreicht werden soll und welche Staatsform / wessen Einfluss hinterher in der Region der beherrschende sein soll. Die IS wollen ein streng islamistisches Kalifat, Erdoğans Ambitionen gehen wohl eher in Richtung großtürkisches Reich. Anders kann man die Verbitterung gegen Lawrence, dessen Bemühungen stets auf die Unabhängigkeit Arabiens vom Osmanischen Reich gerichtet waren, kaum nachvollziehen.

In der Sache hat Erdoğan sicherlich recht. Für die heutigen Konflikte im Nahen Osten trägt historisch gesehen der Westen (damals Frankreich und England) die Verantwortung. Die Menschen der Region (inklusive der türkischen Regierung) fühlen sich vom Westen gegängelt, sie wollen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, wenn sich auch die Methoden und die Ziele bei Erdoğan und der IS sicherlich unterscheiden. Das wäre zunächst einmal ihr gutes Recht … wäre damit nicht verbunden die Tatsache, dass das Sykes-Picot-Abkommen die Voraussetzung für die Gründung des Staates Israel war. Dieser Staat existiert nun seit 1948, seit dem Tag, als das Mandat der Briten über Palästina endete. Soll dieser Staat nach dem Willen Erdoğans ebenfalls rückabgewickelt werden, die Juden wieder in alle Welt vertrieben werden – oder schlimmeres?

Tatsache ist: Erdoğan hat in dieser Rede dem Westen die Freundschaft aufgekündigt, merkwürdig genug, wenn man bedenkt, dass die Türkei Mitglied der NATO ist. Deshalb ist es so verwunderlich, dass deutsche Medien dies gar nicht zur Kenntnis zu nehmen scheinen. Die Welt wird sich endlich darauf einstellen müssen, dass die Karten gerade völlig neu gemischt werden und Erdoğan tut alles dafür, am Ende den Joker in der Hand zu halten; Eine Haltung, welche ihm in der Türkei sicherlich viel Beifall bescheren wird. Und der Westen täte gut daran, die Menschen und ihre Wünsche im Nahen Osten endlich ernst zu nehmen. Der Westen, insbesondere Deutschland, hat aber auch die moralische und historische Pflicht, sich mit allen Mitteln für die Unversehrtheit Israels einzusetzen – ein schwieriger Spagat. Möge er gelingen, denn wenn nicht, könnte das Feuer, das dort längst brennt, auch uns erreichen, uns, in unserem „sicheren“ Deutschland.

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