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Nationalismus und Rassismus

veröffentlicht um 08.07.2016, 06:30 von Ulrich Seibert
KZ Dachau - (gestohlenes) Tor
Gestern Abend war ich - trotz EM-Halbfinale mit Deutschland - in einer Lesung in Dachau. Es ging - passend zum Ort - um das grausame Leben (passender ausgedrückt: das grausame Sterben) im Konzentrationslager und um den Widerstand gegen solche Zustände. Ich habe dabei viel Neues erfahren.
Wussten Sie, dass es Häftlingen, die als Spezialisten in Schlosserei- und anderen Betrieben gearbeitet haben, gelungen ist, Waffen ins KZ Dachau zu schmuggeln und diese dort zu verstecken?
Wussten Sie, dass die Häftlinge in den letzten Kriegstagen vor Eintreffen der US-Streitkräfte diese Waffen benutzt haben, um die SS in Schach zu halten und eine vollständige Evakuierung und weitere Todesmärsche zu verhindern? Dass die US-Armee aufgrund dieser Situation nur noch hereinkommen und die SS entwaffnen und festsetzen musste? Merkwürdig, dass diese Version so unbekannt ist, dass man nur die Version kennt, dass die Amerikaner das KZ ganz alleine befreit hätten? Sollte da ... eine politische Absicht dahinterstecken?
Wussten Sie, dass zwischen 70 und 80% der Widerständler aus der Arbeiterschicht kamen? Von Elser weiß man, dass er Arbeiter war, ansonsten fallen überwiegend die Namen Sophie und Hans Scholl aus der bürgerlichen Mittelschicht, sogar der Widerstand der Militärs wird hochgelobt (obwohl die gar nichts gegen Hitler oder den Nationalsozialismus hatten, nur etwas dagegen, dass der ihre schönen Truppen in Russland in einem aussichtslosen Krieg verheizt hat ...). Doch von der Mehrheit der Widerständler weiß man heute nichts mehr, niemand hat ihnen ein Denkmal gesetzt, niemand einen Film über sie gedreht. Und die Archive muss man erst selbst zum Sprechen bringen, wenn man mehr erfahren will ...
Wussten Sie, dass vielen männlichen KZ-Insassen das Angebot unterbreitet wurde, sich freizukaufen, indem sie sich zum Dienst an der Waffe verpflichteten? Dass einige von diesen die Gelegenheit mit hohem persönlichem Risiko nutzten, mit den Alliierten Kontakt aufzunehmen und die so nicht unerheblich zur Verkürzung des Krieges und des Leids beigetragen haben? Doch die hat man vergessen, denen wurde kein Denkmal gesetzt, sie fanden noch nicht mal Erwähnung in einem Schulbuch. Warum auch? Waren ja schließlich nur Häftlinge und Deserteure. Geht gar nicht, wenn man ein militarisiertes Land braucht im sich anbahnenden Kalten Krieg. Und ja, viele alte Nazis wurden vom Fleck weg vom amerikanischen CIC (Vorgänger-Organisation der DIA) und später vom Verfassungsschutz angeheuert ... wegen ihrer Erfahrung im Jagen und Vernichten von Kommunisten ...

Nationalismus und Antisemitismus waren es, die in die Katastrophe zwischen 1933 und 1945 geführt hat. Dass der Kurs heute mit der AfD und einem sich Nationalisten anbiedernden Horst Seehofer schon wieder in diesselbe Richtung geht, fällt sogar schon Schülern auf, die den Nationalsozialismus durchgenommen haben.

Trotz des todernsten Abends drangen per Smartphones die aktuellen Fußballergebnisse in den Raum.
2:0 für Frankreich.
"Freut mich!", sage ich.
"Warum?", fragt ein anderer Besucher.
"Weil die Nationalisten hierzulande einen Sieg der deutschen Mannschaft für sich nutzen würden, um den Nationalstolz weiter anzufachen", entgegne ich.
Der andere - ein bekennender Freidenker - lacht. "Aber so nutzen jetzt die französischen Nationalisten ihren Sieg für sich und die sind kaum besser als die deutschen Nationalisten."
"Da haben Sie schon recht ... aber das ist das Problem der Franzosen, nicht unseres. Unser Problem ist der Nationalismus bei uns."

Warum ist Nationalismus ein Problem? Ein AfD-Anhänger versteht schon die Frage nicht. Glauben Sie mir, es ist so, ich habe bereits mit mehreren diskutiert. Wieso sollte Nationalismus ein Problem sein? Nationalismus hieße doch nur, dass wir, beziehungsweise unsere Regierung, erst einmal im deutschen Interesse handelt und erst dann sieht, was in der Welt geschieht und darauf reagiert. Das würden doch alle Regierungen dieser Welt so machen.

Beide Argumente sind falsch: Wenn eine Regierung im Interesse ihres Landes handelt, hat das nichts mit Nationalismus zu tun, es ist einfach ihr Job, für den sie gewählt und ernannt wurde. Zweitens kann eine Regierung heutzutage angesichts der Globalisierung gar nicht mehr isoliert handeln, sie ist also gezwungen, ihre Augen ständig auf die Ereignisse in der Welt gerichtet zu halten und darauf reagieren zu können.

Aber was ist Nationalismus dann? In der Wikipedia ist nachzulesen, "exklusiver Nationalismus" - das ist in der Regel derjenige, der gemeint ist, wenn in den Medien von Nationalismus oder nationalistischen Parolen die Rede ist - bezeichne ein übersteigertes Wertgefühl, das auf die teilweise aggressive Abgrenzung von anderen Nationen zielt. Gemeint ist die Äußerung: Wir sind besser / wichtiger / würdiger / schöner ... als andere Nationen.

Aber indem wir uns selbst überhöhen, setzen wir den Rest der Welt herab. Und das nennt man dann Rassismus. Die beiden Begriffe Nationalismus und Rassismus stehen somit in direktem Zusammenhang zueinander. Das eine ist zwangsläufig die Kehrseite des anderen auf derselben Medaille. Und Rassismus und Nationalismus führen zu ... aber das wissen wir ja alle.

Deshalb ist es so unendlich wichtig, gegen Rassismus aufzustehen, genauso wie jeglichem Nationalismus entgegenzutreten. Egal, ob die Maske ein freundliches Gesicht oder eine hässliche Fratze zeigt, dahinter verbirgt sich immer ein höchst gefährliches Monster. Die AfD muss in ihre Schranken verwiesen werden und wenn Seehofer und seine Laufburschen nicht bald zurück zur Vernunft finden, muss sich Widerstand auch massiv gegen sie richten. "Wehret den Anfängen!" ... ich wäre froh, wenn ich das sagen könnte. Aber über die Anfänge sind wir leider längst hinaus.

Deshalb mache ich jetzt etwas, das ich üblicherweise nicht mache: Werbung. Schaut bitte mal hier vorbei. Es ist wirklich wichtig!
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