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Offener Brief an die FDP: Kommt zurück!

veröffentlicht um 31.07.2014, 05:21 von Ulrich Seibert   [ aktualisiert: 31.07.2014, 05:30 ]

Liebe FDP, 

ehrlich, ich vermisse euch! Seit meiner Kindheit wart ihr eine feste politische Größe – und eine musikalische, wenn ich an Walter Scheel anno 1973 mit „Hoch auf dem gelben Wagen“ denke (allein schon diese Symbolik!).  Freiheitlich – tun und lassen, was man will –  das findet einfach jedes Kind toll. So natürlich auch ich. Dass es das nicht mehr geben soll …

Als ich dann älter wurde und in etwa ab der Abiturzeit begann, mich für Politik zu interessieren, wart ihr auch interessant. Es war so einfach, euch und eure Absichten zu durchschauen. Ihr wart das perfekte Feindbild, weil ihr einfach tatet, was mächtige Männer wie Flick von euch verlangt haben. Und da ihr meistens irgendwie die Position „Zünglein an der Waage“ innehattet, haben die, was sie wollten, auch meistens bekommen. Ihr wart einfach die Kings in der politischen Landschaft der Bundesrepublik! 

Man konnte als sozial denkender Mensch so leicht über euch schimpfen, denn – und das muss man euch einfach zugute halten – ihr wart immer ehrlich! Okay, fast immer. Manchmal habt ihr auch Omissionsbotschaften ausgesandt, insbesondere, wenn ihr fandet, dass die eigentliche Message für das Wahlvolk vielleicht etwa zu unverdaulich war. Zum Beispiel euer Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen!“. Hört sich so was von gut an, niemand kann einen solchen Satz ernsthaft bestreiten, schon gar nicht auf moralischer Ebene. Nur einen Schönheitsfehler hatte die Sache: Ihr habt ein paar Wörter unterschlagen. Vollständig wäre euer Ziel in etwa so zu formulieren gewesen: „(Die) Leistung (der Arbeitnehmer) muss sich (für die Unternehmer) wieder lohnen!“ Aber lasst uns nicht kleinlich sein, was sind schon solche Haarspaltereien angesichts des großen Ganzen? Ihr wart immer ehrlich, ihr habt gesagt, was ihr tun wollt und habt das auch gemacht, egal ob es der Mehrheit der Bevölkerung zugute gekommen ist oder nicht. Jahrzehntelang war die Welt in Ordnung.

Ganz anders die Sozis von der … ähm, Moment, Korrektur … die sogenannten „Sozis“ von der SPD. Seit Helmut Schmidts Zeiten, aber in voller Ausprägung seit Gerhard Schröder und seiner Ausrichtung auf die „Neue Mitte“ hin haben sie vor der Wahl sozialdemokratisch für sich geworben und nach der Wahl … neoliberal gehandelt. Seien wir uns ehrlich, Hartz IV, Ein-Euro-Jobs, Insel der Verweigerung eines Mindestlohns in Europa, das hättet ihr nie und nimmer in der Form hinbekommen, das lag jenseits eurer kühnsten Träume! Die haben es gemacht. Einfach so, teilweise sogar mit den Grünen! Die haben euch unverschämterweise mit hundert Sachen rechts überholt! Und wer hat dafür den Strafzettel kassiert? IHR! IHR seid aus dem Bundestag und diversen Landtagen geflogen! Da war das Wähler-RADAR offensichtlich nicht richtig geeicht. Die Welt ist ja so was von ungerecht!

Aber – wie sagt der Brite – „There’s no use crying over spilt milk“ – hat keinen Sinn, sich wegen verschütteter Milch aufzuregen. Man muss in die Zukunft blicken. Vorwärts! Habt ihr selbst immer wieder betont, zuletzt nach den verheerenden Wahlniederlagen. Da ich beruflich bereits einer Reihe von Unternehmen die Richtung auf den Erfolgspfad habe weisen können, erlaube ich mir jetzt einfach, euch ebenfalls mit Rat unter die Arme zu greifen. Daran, dass ich dies kostenlos tue, könnt ihr erkennen, wie sehr mir an euch gelegen ist.

Am Beginn steht die Analyse. Status Quo, Ziele und Wege. Mit anderen Worten, die Fragen:

  1. Wo stehen wir?
  2. Wo wollen wir hin?
  3. Welche Wege führen ans Ziel?

Die Tatsache, dass der eine oder andere von euch marktwirtschaftlich orientiert ist, könnte helfen, die folgenden Ausführungen nachzuvollziehen. Also, …

Zu 1.: Wo stehen wir und die FDP heute? Eigentlich findet man die FDP an exakt derselben Stelle, wo sie traditionell immer gestanden hat. Sehr frühzeitig hat die FDP erkannt, dass die wahre Herrschaft in einem kapitalistischen System … eben vom Kapital ausgeht. Konsequent hat sie sich darauf ausgerichtet, das Sprachrohr und der Erfüllungsgehilfe der Mächtigen zu sein. Niemand hatte schon so früh so viel Weitblick bewiesen wie ihr, das muss man euch einfach lassen! Aber auch der Fels in der Brandung kann untergehen, wenn die Welt sich verändert und Beben das Angesicht der Erde umstülpen. Und genau das ist geschehen. Die anderen Parteien sind ja auch nicht dumm. Insbesondere die „Sozis“ haben im Laufe der Jahrzehnte erkannt, wo sich der Ort befindet, an dem Bartel seinen Most bekommt, und sich entsprechend ausgerichtet. Euch ist Konkurrenz erwachsen! Die Volksparteien, vormals, wie der Name schon suggeriert, am Willen des Volkes orientiert, haben sich still und leise in Richtung wahre Macht gedreht. Was ihr für eine Marktnische gehalten habt, die ihr so erfolgreich besetzt geglaubt habt, ist Mainstream geworden. Die CDU mischt dort nun mit, die CSU ohnehin schon seit den Tagen von Franz Josef Strauß – halt nur in Bayern – und seit einigen Jahren auch noch die Grünen und die SPD! Bevor ihr gemerkt habt, was los ist, seid ihr schlichtweg überflüssig geworden. Andere haben eure Politik gemacht, aber sie halt besser verkauft als ihr. Ehrlichkeit lohnt sich eben nicht, schon gar nicht in der Politik. Ein Otto Graf Lambsdorff hätte euch in dieser Beziehung wohl auf die Sprünge helfen können, doch der ist – ach! – allzu früh von uns gegangen. Gegangen ist auch eure Klientel, nachdem sie gemerkt hat, dass ihre Wünsche auch bei politisch Mächtigeren als euch Gehör finden.

Zu 2.: Wo wollt ihr hin? Welche Frage, zurück an die Macht natürlich, zurück in den Bundestag, wenn möglich sogar in die Regierung. In jedem Fall dorthin, wo man etwas bewegen kann!

Zu 3.: Die klassischen Erfolgsrezepte der Marktwirtschaft sind nicht sonderlich kompliziert:

  • Bekanntheit
  • Popularität
  • Alleinstellungsmerkmal / Exklusivität

Wie ein marktwirtschaftlich ausgerichtetes Unternehmen kann die FDP mit diesen drei Zutaten den Erfolgspfad wieder betreten. Soweit die Theorie. Nun zur praktischen Umsetzung. Der Einfachheit halber gehe ich mal davon aus, dass ihr keine neue Partei gründen wollt, sondern euren Namen und die Farben gelb und blau beibehalten wollt. Dagegen spricht soweit nichts, immerhin geht nichts über eine etablierte Marke!

Wie verschafft man sich Bekanntheit? Es wäre unnötig, das Rad neu erfinden zu wollen. Blicken wir einfach in die Vergangenheit, zum Beispiel zu … Walter Scheel! Der kam, sang und siegte anschließend in der Wahl zum Bundespräsidenten. So geht das! Also, ran ans Mikrofon, Herr Lindner! Singen Sie! Schon die optische, erst recht die namentliche Nähe zu Patrick Lindner garantiert den Erfolg (vielleicht könnte man sogar die Lindner Brothers … äh, okay, ich schweife ab)! Aber natürlich singen Sie nicht irgendwas! Es muss schon symbolträchtig sein! „Gelb“ sollte wie schon beim großen Walter das beherrschende Element sein, gelb und das Auftauchen aus großen Tiefen. Sie ahnen schon den Song, der diese Voraussetzung erfüllt. Ringo Starr hat ihn gesungen, dann schaffen Sie das auch! Ich spreche von „Yellow Submarine“. Stellen Sie sich vor, Sie im Bierzelt bei einer Wahlkampfveranstaltung und alle grölen mit: „We all live in the yellow submarine…“ Welch Beschwörung der Einheit und Einigkeit in diesen Worten! Kraftvoller kann ein Comeback gar nicht ausfallen. Und die damit verbundene Selbstironie (abgetauchtes U-Boot) lässt Sie gleich viel sympathischer wirken! Ja, und wenn Sie damit noch durch Musikantenstadl und Konsorten tingeln, hätten wir auf die Weise den Punkt Popularität gleich mit erschlagen.

Allein, für eine langfristig stabile politische Präsenz reicht eine solche Maßnahme natürlich nicht aus. Die kann nur das Streichholz sein, das den Scheit wieder zum Brennen bringt. Eine solide politische Botschaft muss her, eine, die ihr für euch alleine in Anspruch nehmen könnt, eine, die euch keiner so schnell wird streitig machen können. Weg von der Klientelpolitik, zumal die Klientel ohnehin weg von euch ist! Neue Inhalte, Inhalte, die die Menschen ansprechen, müssen her! Bei aller monetären Macht, aber auch ein Unternehmer hat bei der Wahl nur eine Stimme, wie jeder andere Mensch auch. Eure Botschaft muss also bei einer Mehrheit von Wählern ankommen, muss sie überzeugen, muss sie mitreißen! Welche Nische könnte solche Vorgaben erfüllen? Es gibt eine, eine, die in Deutschland bereits seit über 15 Jahren völlig unbesetzt ist. Eine, der eine überwältigende Zahl von Menschen nachtrauern, die aber von keiner Partei mehr aufgegriffen wird. Wäre das nichts für euch? Ich spreche natürlich von der Sozialdemokratie, von der konsequenten Ausrichtung auf’s Gemeinwohl. Ich behaupte mal, damit ließen sich bei einer Bundestagswahl aus dem Stand 30% der Stimmen einfahren. Eure frühere „Strategie 18“ wäre dagegen der reinste Kinderkram! Flankierend könntet ihr einen Headhunter losschicken und den Gregor Gysi abwerben, denn der Mann brächte das notwendige Know-how und die Glaubwürdigkeit mit. Mit ihm im Top-Management könnte auf Jahre hin niemand mehr die FDP stoppen! Das ist euer Weg, wenn ihr zurück an die Macht wollt! Ich wünsche euch viel Glück und Erfolg dabei. Und danach passt gefälligst besser auf, dass euch die SPD nicht links überholt!

In tiefster Verbundenheit,

Ihr Ulrich Seibert

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