BLOG‎ > ‎

Vorurteile ...

veröffentlicht um 26.09.2015, 09:24 von Ulrich Seibert   [ aktualisiert: 26.09.2015, 09:38 ]
„Gier ist gut“, sagt Michael Douglas in dem Film „Wall Streets“ zu seinen überraschten Zuhörern. Ich werde diesen Satz mal etwas modifizieren: Vorurteile sind evolutionär gesehen (!!!) gut. Warum ausgerechnet ich das sage, jemand, der Vorurteile bekämpft, wo er kann? Zurück in die Geschichte der Menschheit:

Vor zehntausenden von Jahren gab es für den Menschen noch tausende Gefahren: Wetterkatastrophen, wilde Tiere, lebensfeindliche Umgebung, Stammesfehden um Ressourcen etc.. Doch dank seiner Gehirnleistung ist es dem Menschen gelungen, sich an die Spitze der Nahrungskette aufzuschwingen. Statt vor dem Löwen davonzulaufen, hat er sich überlegene Waffen gebaut und / oder sich seinem Feind in der Überzahl gegenübergestellt. Nun war es plötzlich der Löwe, der davonlaufen musste. Über Jahrtausende hat der Mensch seine natürlichen Feinde, einen nach dem anderen, besiegt, bis nur noch ein einziger Feind übrig blieb: andere Menschen!

Gleichzeitig mit dieser Entwicklung verschwanden unsere Instinkte, die bei allen anderen Kreaturen noch weitaus stärker ausgeprägt sind. Wozu auch sollte man noch Instinkte brauchen, wenn es nichts mehr gibt, was man fürchten müsste? Und evolutionär macht ein Instinkt, der uns vor unserem einzigen Feind – anderen Menschen – warnt, keinen Sinn, denn wir brauchen die anderen, um uns fortzupflanzen und fortentwickeln zu können.

Daher hat der Instinkt sich gewandelt … zum Vorurteil! Das Vorurteil warnt uns vor Fremden, bringt uns dazu, vorsichtig zu sein, Distanz zu wahren, niemandem zu vertrauen, den wir nicht kennen. Die Angst vor dem Fremden ist mithin ein auf das eigene Überleben gerichtete s Instinkt-Substitut, ohne das wir vermutlich nicht die Zivilisation schaffen hätten können, die wir heute haben … ob das nun als gut oder eher als suboptimal anzusehen ist, ist eine rein akademische und damit müßige Frage.

Jeder von uns hegt Vorurteile. Auch ich. Der „Gutmensch“ ebenso wie der „besorgte Bürger“ und erst recht der bekennende Rassist. Eines Tages, auf dem Weg nach Hause, sah ich am Straßenrand einen dicken Nobel-Mercedes stehen … mit polnischem Kennzeichen. Der Besitzer sperrte seinen Wagen gerade ab. Ich war versucht, ihn anzusprechen: „Tolle Kiste! Selbst geklaut?“

Natürlich habe ich das nicht gesagt. Aber ich habe angefangen, darüber nachzugrübeln, woher diese Vorurteile eigentlich kommen. Wieso glauben wir zu wissen, dass alle Polen Autodiebe, alle Afghanen unorganisierte Terroristen, alle Italiener „Spaghettifresser“, alle Muslime islamistische Extremisten, die das Christentum vernichten wollen, und alle Schwarzen primitive Bimbos sind? Wir wissen es natürlich nicht und wir können es auch gar nicht wissen, weil wir sie ja gar nicht alle kennen. Wenn wir sie wirklich kennen würden, würden wir in den allermeisten Fällen unser blaues Wunder erleben und erkennen, dass die Ziele unserer Vorurteile ganz genau so sind wie wir! Sie lieben dieselben Dinge wie wir, wünschen sich dasselbe für ihre Familien, lieben und hassen, lachen und weinen wie wir aus denselben Gründen wie wir, argumentieren ebenso intelligent wie wir. Nicht nur manchmal, wenn wir es mit solchen Menschen zu tun bekommen, stellen wir bei einem Vergleich fest, dass einige von ihnen uns gar in Punkto Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft oder Gastfreundschaft übertreffen. Dann … überkommt uns Scham … für kurze Zeit.

Wir nehmen Fetzen von Informationen auf und … verallgemeinern. Der klare Menschenverstand sagt uns, dass Verallgemeinerungen Unfug sind, eine Erkenntnis, die uns besonders gerne dann überkommt, wenn wir selbst mit den Vorurteilen anderer über uns konfrontiert werden – etwas, das wir als indiskutabel und dumm empfinden. Wir sind doch die Guten und die anderen müssen das doch sehen!

Warum sind Vorurteile dann gut? Wir verfügen über begrenzte Informationen und über eine begrenzte Informationsverarbeitungskapazität. Vorurteile helfen uns, indem sie unsere Informationsverarbeitung extrem beschleunigen und uns im Sekundenbruchteil zu einer Entscheidung  verhelfen, ob wir es mit Freund oder Feind zu tun haben. Das könnte im Extremfall immerhin den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.

Könnte! – Konjunktiv …
Im Extremfall! – Wann warst du zuletzt in einer solchen Situation?

Aber nicht im Alltag.
Nicht in der Zivilisation, in der wir heute leben.
Und das Wichtigste: Die Entscheidung ist schnell. Aber ist sie auch … richtig?

Wie oben angeführt: Das ist sie in der Regel eben gerade nicht.

Natürlich gibt es in Polen Autodiebe! Natürlich gibt es auch ungebildete, dumme Schwarze. Natürlich ist auch unter syrischen Männern mal einer, der eine Frau vergewaltigt. Aber all das gibt es leider auch in unserer mitteleuropäischen Gesellschaft. Die Hautfarbe, die Nationalität, das Aussehen, die Religion oder die sexuelle Ausrichtung des anderen sind bei Weitem keine geeigneten Indikatoren dafür, ob jemand ein guter Mensch oder ein Idiot oder gar ein Verbrecher ist. Aber unser Vorurteil überzeugt uns genau davon! Und einige von uns greifen mit großem Enthusiasmus Meldungen auf über den muslimischen Vergewaltiger, der ein deutsches Mädchen vergewaltigt hat, über den Flüchtling, der unverschämterweise ein Smartphone besitzt oder der von seinem Taschengeld noch 200€ in seine Heimat schickt, was doch der Beweis ist, dass er viel zu viel Geld bekommt. Solche Meldungen scheinen unsere Vorurteile zu bestätigen und demjenigen, der sich darauf stützt, anstatt auf seinen Verstand, recht zu geben. Und doch: All das sind nur Momentaufnahmen - einzelne Schnappschüsse aus einem nicht endenden Film -, die, selbst wenn sie wahr sind, keinesfalls geeignet sind, pauschale Urteile zu rechtfertigen.

Das führt unweigerlich zu der Erkenntnis, dass Vorurteile in der heutigen Zeit überholt sind - so nützlich sie uns sie uns in den letzten Jahrtausenden auch gewesen sein mögen.
Doch die Welt ist heute eine andere. Die Herausforderungen, denen wir uns heute stellen müssen, sind global. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir uns nicht nur erlauben können, uns über unsere Vorurteile zu erheben, sondern wir müssen das sogar, um für die internationale Zusammenarbeit bereit zu sein! Anders werden wir das Klima nie wieder in den Griff bekommen, um nur eine der riesigen Herausforderungen unserer Zeit herauszugreifen. Unsere Vorfahren hatten da ganz andere, viel kleinere Probleme!
Wir haben die Wahl, unsere Vorurteile als das zu identifizieren, was sie sind.
Wir haben es selbst in der Hand, ob wir Verallgemeinerungen als unverrückbar wahr akzeptieren oder ob wir den Menschen dahinter eine Chance geben wollen.

Es liegt an uns selbst, ob wir Vertreter einer fortschrittlicheren Menschheit sein wollen, die ihre eigenen Vorurteile erkennt und infrage stellt oder ob wir uns weiterhin von einem dumpfen, unreflektierten Urinstinkt steuern lassen wollen. Ein intelligenter Mensch wird immer darauf bestehen, dass sein Verstand das letzte Wort behält.

Und zu welcher Fraktion gehörst du?

Comments