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Wo bleiben die politischen Visionen?

veröffentlicht um 03.08.2019, 03:20 von Ulrich Seibert

Irgendwie beneide ich ja die Menschen in den Sechziger Jahren, während derer ich noch ein kleines Kind war. Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und die entbehrungsreiche Zeit des Wiederaufbaus waren vorüber, die Wirtschaft boomte und jeder schien daran teilzuhaben. Auch die gesellschaftliche Entwicklung und die Kunst blühten auf. Man dachte noch quer und die jungen Menschen ermutigten sich gegenseitig zu immer fantastischeren Visionen. Sie standen auf gegen kriegslüsterne Eliten und schafften es durch ihr Engagement sogar, den Vietnamkrieg zu beenden.

Doch diese fabelhafte Generation wurde alt, Prioritäten veränderten sich. Und als das geschah und diese Menschen selbst Teil des zuvor verhassten Establishments wurden, verschwanden auch die Visionen wieder. Es scheint sie nicht mehr zu geben, Visionen von einer besseren, friedlicheren, gerechteren Welt. Stattdessen „verwalten“ wir heute nur alte Ideen und versuchen, das Beste daraus zu machen. In allen politischen Parteien von rechts bis links. Ganz rechts sind die Ideen beziehungsweise Ideologien sogar noch weit älter … 

Nehmen wir den Verkehr als Beispiel. Man streitet gerne über die Alternativen „Straße“ oder „Schiene“. Im Falle des Individualverkehrs streiten wir über die „beste“ Technologie: im Wesentlichen fossile Brennstoffe versus E-Mobilität versus wasserstoffbetriebene Brennstoffzelle. Doch … jede dieser Technologien hat einen gewaltigen Haken:

  • Die Verfeuerung fossiler Brennstoffe hat einen erheblichen Anteil Schuld an der Klimakrise, die nun noch weit schneller auf den Planeten durchschlägt als die Wissenschaftler es noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten hätten.
  • E-Mobilität – sofern die Energie aus der Sonne und nicht wieder aus der Verbrennung von Steinkohle kommt – könnte klimaneutral sein. Doch mittlerweile wissen wir, wie unser Hunger nach „seltenen Erden“ für die dafür benötigten Akkus sich in anderen Teilen der Welt in Form von Ausbeutung, Kriegen, elenden und gefährlichen Arbeitsbedingungen auswirkt. Egal, wenn ein paar „Bimbos“ leiden, es ist ja fürs große Ganze? Nein, es ist nicht egal. Wir sprechen von Menschen wie du und ich! Abgesehen davon gilt die Ökobilanz eines E-Autos – wenn man den Bau der Fahrzeuge miteinrechnet – als schlechter als die eines mit fossilen Brennstoffen betriebenen Fahrzeugs und das ist ein gewichtiges Argument.
  • Die Brennstoffzelle … die Erlösung vom Bösen? Endlich? Die Technologie ist vorhanden und wohl im Wesentlichen beherrschbar. Abgase gibt es nicht mehr, aus Wasserstoff wird Energie und Wasser. Doch auch hier gibt es einen erheblichen Haken: Um den Treibstoffbedarf für den Verkehr eines gesamten Kontinents zu decken, wird eine ungeheure Menge davon benötigt. Zu viel, als dass wir diese in Deutschland oder auch im sonnenreichen Spanien produzieren könnten. Denn zur Produktion von Wasserstoff benötigt man sehr viel Wasser, sehr viel Fläche und sehr viel Energie. Die Energie und die Fläche gäbe es weitgehend gratis … in der Sahara: riesige ungenutzte, von Sonnenenergie überflutete Landstriche. Doch Wasser gibt es dort nicht. Man muss es also zuerst vom Meer heranschaffen, entsalzen (sehr teuer!). Nachdem der Wasserstoff produziert wurde, muss er nach Europa gebracht werden. Alles andere als einfach, denn mal schnell eine Pipeline legen, ist nicht so einfach. Eine Pipeline, durch die derart explosives Zeug fließt, muss auf der gesamten Strecke akribisch abgesichert werden, ebenso wie Transportfahrzeuge. Denn die wären für Terroristen ein wunderbares Ziel, eine einzige Handgranate würde wohl reichen und eine halbe Stadt wäre futsch … Und selbst wenn das Problem des Transports solcher Mengen gelöst wäre, bliebe da noch die gewaltige Gefahr, dass es zu einem Unfall kommt, bei dem Wasserstoff ausläuft und es brennt. Da kann man die Autobahn hinterher an diesem Abschnitt neu bauen, und … das wäre nur der materielle Schaden.

Alles Alternativen mit einem gewaltigen Haken. Und man beharkt sich beharrlich darauf, welchen davon man jetzt in Kauf nehmen sollte, um unsere jetzige Lebensweise nur ja nicht zu gefährden … keine Visionen …

Aber die gab es einmal. Ich erinnere mich, als Kind um 1972 herum ein Kinder- und Jugendlexikon bekommen zu haben, in dem ich gern und ausgiebig stöberte. Darin gab es einen Artikel vom Automobil der Zukunft, sogar mit Konzeptzeichnung, der man entnehmen konnte, dass das Design aus den Fünfzigern oder Sechzigern des zwanzigsten Jahrhunderts stammt. Dieses Auto hatte eine Glaskuppel, durch die man Fahrgäste sehen konnte, die im Kreis um einen Tisch in der Mitte des Autos saßen und Scrabble spielten. Es gab keinen Fahrer mehr, nur noch Fahrgäste. Das Fahrzeug hatte sich in ein in der Straße verlegtes System eingeklinkt, aus dem es Strom für den Antrieb bezog und über das es durch ein Verkehrsleitsystem gesteuert wurde. In Deutschland wurde diese Vision vergessen oder … sie passte schlichtweg nicht in die Interessenslage des hierzulande dominierenden Wirtschaftszweigs, der Automobilindustrie. Doch … die Schweden besannen sich darauf. Sie haben bereits eine erste Versuchsstrecke eröffnet.

Und doch bleibt dieses Schienenkonzept, für das Deutschland sich immerhin bereits interessiert, nicht nur hinter der ursprünglichen Vision, sondern auch weit hinter den heutigen technischen Möglichkeiten zurück. Mit dem heute möglichen Datendurchsatz wäre neben Stromversorgung durchaus auch eine Anbindung an ein Verkehrsleitsystem sowie ganz nebenbei die Anbindung der Passagiere an Hochgeschwindigkeitsinternet möglich. Das hätte gewaltige Vorteile gegenüber dem Individualverkehr von heute. Autonomes Fahren wäre dann ohne die noch fehleranfällige Sensorik möglich, mit der die Konzerne wie Google oder Tesla zu kämpfen haben. Der Verkehrsdurchsatz könnte optimiert werden, Staus könnten, einen entsprechend großzügigen Ausbau der Anlage vorausgesetzt, endgültig der Vergangenheit angehören, wenn Autos Stoßstange an Stoßstange mit 200 Sachen über die Strecke gelotst werden. Das Schöne an dieser Vision ist: Man könnte die vorhandene Infrastruktur Stück für Stück ausbauen, erst die Autobahnen, dann die Bundesstraßen und so weiter, und muss keine völlig neue Infrastruktur anlegen. Viele bereits vorhandene Fahrzeuge könnten womöglich nachgerüstet werden, um solch ein System nutzen zu können. Und wenn nicht …?

Auto der Zukunft
Dann erweitern wir die Vision! Warum nicht das Beste aus zwei Welten zusammenführen, nämlich den Individualverkehr und den öffentlichen (Nah-)Verkehr. Öffentlicher Verkehr gilt gemeinhin als unpraktisch. Man muss erst zu Haltestellen oder Bahnhöfen laufen, oft mit schwerem und / oder unhandlichem Gepäck, am Zielort dasselbe nochmal. Er gilt als unzuverlässig, zumal in Deutschland. Nach meinen letzten Erfahrungen mit der Bahn AG fahre ich damit wirklich nur noch, wenn es gar nicht mehr anders geht. Und er ist teuer! Von Überfüllungen, mangelnder Bequemlichkeit und mehrfachem Umsteigen will ich gar nicht erst anfangen. Mit einem flächendeckenden Schienensystem mit autonomer Verkehrssteuerung könnte öffentlicher Verkehr unglaublich individualisiert werden, egal, ob man zur Arbeit pendeln oder mit der Family, Grill und Ausrüstung für ein Groß-Picknick ins Grüne fahren möchte. Man könnte seinen Bedarf per Internet anmelden (für Pendler auch quasi als Abonnement), ein passendes, fahrerloses Gefährt wartet dann pünktlich zur angegebenen Zeit direkt vor der Haustüre, man lädt sein Zeug ein, steigt ein und ab geht die Post. Wer würde da noch ein Auto brauchen? Schrittweise würde der heutige Individualverkehr überflüssig werden, denn wer nach wie vor Auto fahren möchte, wird sich weiterhin mit Staus und anderen Einschränkungen herumärgern müssen. Außerdem könnte der öffentliche Verkehr nicht nur deutlich bequemer werden, sondern auch preiswerter. Schließlich wäre der Auslastungsgrad der Fahrzeuge selbst, die 24/7 im Einsatz sein könnten, deutlich besser als jedes private Automobil. Außerdem scheint eine derartige Entwicklung irgendwie auch dem Zeitgeist zu entsprechen. Sicher, die Automobilindustrie müsste etwas machen, was sie scheut wie das Kleinkind den Spinat: Sie müsste sich an eine solche Entwicklung anpassen … Auch sicher, Arbeitsplätze im Bereich „individuelles PKW“ würden mit der Zeit verloren gehen, aber wie viele Arbeitsplätze würden für die Entwicklung, den Ausbau und den Unterhalt des neuen Systems entstehen?

Doch, leider, Visionen wie diese sind aus der Mode. Über Visionen einer besseren Gesellschaftsordnung wird heute gar nicht mehr diskutiert, jedenfalls nicht in der breiten Öffentlichkeit. Doch um die anstehenden Probleme wie Klimakrise, weltweite Fluchtbewegungen und weltweit zunehmende Konfliktherde lösen zu können, brauchen wir Visionen, Inspirationen und Querdenkertum. So schade, dass es all das in der Politik keinen Platz mehr zu haben scheint. Doch noch besteht Hoffnung. Gerade wächst eine junge Generation heran, die sich der wahren Probleme dieser Welt bewusst wird und die sich von uns Alten nicht mehr mit Stereotypen abspeisen lässt. Sie begehrt unter anderem in Friday-for-future-Demonstrationen wieder gegen das kriegslüsterne Establishment auf. Der Geist der Sechziger, wurde er wieder geweckt? Können wir „Vietnam“ ein weiteres Mal durch Visionen und eine große Massenbewegung beenden und der Menschheit auf diesem Planeten wieder eine Zukunft geben? Ach ja, träumen wird ja wohl noch erlaubt sein …

Bildnachweis: 
https://pixabay.com/de/photos/auto-fahrzeug-zukunft-future-2651594/

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