Veröffentlichungen‎ > ‎Romane‎ > ‎Sensenbund‎ > ‎

Leseprobe Sensenbund

Prolog

 

Berlin, Januar 1942

 

„Brüder!“

Das Wort schwebte lange über den Köpfen der mit Kapuzen vermummten Gestalten, die zu dem ebenfalls vermummten Großmeister am Rednerpult aufsahen. Nur 34 Mitglieder saßen in dem schummrigen Licht des großen Ballsaals der Villa an der Havel, 34 von 182. Wenn man bedachte, dass der Sensenbund vor dem sogenannten Röhmputsch 1934, im Deutschen Reich und Österreich noch 300 aktive Mitstreiter gelistet hatte, war dies eine geradezu ernüchternde Bilanz. Andererseits konnte man selbst diese geringe Anzahl schon als Erfolg werten in einem Berlin, in dem alleine schon das Abhalten geheimer Versammlungen die Todesstrafe nach sich ziehen konnte. Der Großmeister schichtete sein Manuskript zu einem fein säuberlichen Stapel zusammen.

„Niemals in unserer nunmehr beinahe 100-jährigen Geschichte hatten wir eine derart schwerwiegende Entscheidung zu treffen wie heute. Es geht um nicht weniger als die Zukunft des Sensenbundes. Es geht um nicht weniger als um die Idee einer Menschheit, die das Adjektiv ‚humanistisch‘ wahrlich verdient. Doch lasst mich zuvor kurz die Fakten rekapitulieren.“

Der Großmeister blickte von seinem Manuskript in die Runde. Auch wenn sie alle maskiert waren, kannte er doch jeden einzelnen von ihnen. Einer hatte ein hohes Amt in der nationalsozialistischen Regierung inne und es wurde gemunkelt, dass derjenige in Kürze zum „Rüstungsminister“ ernannt werden sollte. Er würde vorsichtig formulieren, jedes Wort auf die Goldwaage legen müssen. Andererseits war besagter Bruder auch derjenige, der bisher Schlimmeres für den Sensenbund und seine Mitglieder verhindert hatte. Das Schicksal aller hier lag durchaus in der Hand dieses Mannes.

„Erstens. Am 17. August 1935 hat Reichsinnenminister Frick Freimaurerlogen und freimaurerische Aktivitäten verboten. Ich habe bereits im Vorfeld höchstpersönlich beim Führer interveniert, besser gesagt, ich habe es versucht. Es ist mir allerdings nicht gelungen. Erst vor einer Woche hat man mich aus Kreisen des Führers informiert, dass dieser uns durchaus einer Freimaurerloge gleichsetzen und unsere Aktivitäten als reichsgefährdend ansehen würde. Man hat mir eindringlich nahegelegt, geeignete Maßnahmen zu ergreifen oder die Konsequenzen zu tragen.“

Dass einer der Anwesenden derjenige gewesen war, der diese Warnung übermittelt hatte, verschwieg der Großmeister geflissentlich.

„Zweitens. Vor einem halben Jahr hat die Offensive gegen die Sowjetunion begonnen. Doch vor wenigen Tagen hat der Führer der Heeresgruppe Mitte den Rückzugsbefehl erteilen müssen, um deren vollständige Vernichtung vor Moskau zu verhindern. Drittens: Vor wenigen Wochen hat unser Vaterland den Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg erklärt, noch bevor es gelungen ist, Großbritannien die Kapitulation abzuringen. Meine Herren, ich denke, Ihnen allen ist klar, was das bedeutet.“

Ein Mann aus der ersten Reihe, der auf Brusthöhe ein weißes Rhinozeros auf seiner dunkelblauen Kutte aufgestickt hatte, sprang auf. „Das ist der völlige Wahnsinn. Hitler hat sich in einen Zweifrontenkrieg gegen England und die USA im Westen sowie gegen die Sowjetunion im Osten verrannt, den er einfach nicht gewinnen kann. Das ist das Ende.“

„Sei vorsichtig, Bruder Rhino! Es gibt manch einen, der dir eine solche Äußerung als Defätismus ankreiden würde.“

„Wohl eher als Realismus. Spätestens jetzt ist es doch für jedermann, der sehen kann, offensichtlich, dass wir mit Hitler auf das falsche Pferd gesetzt haben. Unser letzter Großmeister war schon 1921 weitsichtig genug, diesem Anstreicher aus Braunau nicht über den Weg zu trauen.“

„Hindenburg und weitsichtig? Ach was! Der wollte doch nur keinen Gefreiten auf dem höchsten Regierungsamt sitzen haben. Wenn der so weitsichtig gewesen wäre, wie du sagst, hätte er einen Weg finden können, den Mann gar nicht erst zum Reichskanzler machen zu müssen.“

„Bruder Rübezahl, du weißt genau, wie viele aus unserer Mitte – und ich meine nicht nur die Zeitungsverleger und Industriellen unter uns – Hitler unterstützt haben. Außerdem muss ich dich bitten, keine Namen zu nennen! Das ist eine unverbrüchliche Regel“, warf der Großmeister beschwichtigend ein.

„Als ob das jetzt noch eine Rolle spielen würde. Außerdem verstehe ich den Führer nicht. Was hat er gegen uns? Es war immerhin der Sensenbund, der ihm überhaupt erst in den Sattel geholfen hat. Es war der Sensenbund, der ihn dabei unterstützt hat, seine Ideen zu formulieren und einige unserer Mitglieder sind für seine Sache gestorben. Aus welchem Grund will er uns nun loswerden?“

„Niemand, Bruder Rübezahl, ist für seine Sache gestorben. Wenn überhaupt, dann für unsere Sache oder das, was wir zu jener Zeit dafür gehalten haben. Und was deine Frage betrifft und mich auf die drei Eingangsfakten zurückbringt: Der Führer steht mit dem Rücken zur Wand. Solange er einen Erfolg nach dem anderen vorweisen hat können, war er für die Mehrheit im Volk der große Held, der wiederauferstandene Napoleon Bonaparte. Ein Held kann es sich leisten, großzügig zu sein. Doch jetzt, wo die Dinge beginnen, ihm … aus der Hand zu gleiten, fürchtet er jede auch noch so leise Stimme der Opposition.“

„Unsere Stimmen sind bestimmt keine leisen“, brummte Bruder Rhino.

„Eben, du sagst es, Bruder. Und genau aus diesem Grund will er uns zum Schweigen bringen. Und ihr alle kennt die Maßnahmen des Führers, die er gegen diejenigen ergreift, die er fürchtet oder fürchten zu müssen glaubt. Und, nachdem wir mit unserer Existenz juristisch gesehen eine illegale Vereinigung sind, hat er auch die Instrumentarien in der Hand, uns kurzerhand einfach so kaltzustellen.“

„Dann muss man mit ihm vernünftig reden. Ihm klarmachen, dass wir nie seine Feinde waren und es nie sein werden.“

„Du willst ihm also deine Seele verkaufen, Bruder Morgentau?“

„Die Seele verkaufen? Ich fürchte, ich verstehe nicht, Großmeister.“

„Es stimmt, wir haben Hitler aufgebaut. Bruder Löwenherz war ein Vorbild, ein Mentor und später sein Chefideologe. Er hat ihm eine Ideologie geliefert, die zu einem großen Teil in unserer Satzung verankert ist. Und es schien zur damaligen Zeit das Richtige zu sein, Hitler als das Instrument aufzubauen, das unsere Interessen durchsetzen sollte. Hitler war schon damals nicht nur eine fanatische und charismatische Person mit der Fähigkeit, Menschenmassen mitzureißen, er schien von unseren Idealen auch ausgesprochen angetan zu sein. Wie viele andere auch haben wir ihn für formbar, für zähmbar gehalten. Das hat sich leider als verhängnisvoller Irrtum herausgestellt. Hitler hat unser eigentliches Anliegen nie verstanden, nie in dem Sinne wie wir. Größe ist für ihn nur eine Frage seiner eigenen Größe und seiner Rolle in den künftigen Geschichtsbüchern. Es geht ihm nicht um die Menschheit. Er geht seinen eigenen Weg, einen Weg, der schon lange nicht mehr der Weg des Sensenbundes ist. Er weiß das. Mit welchem Argument willst du ihn unter diesen Umständen davon überzeugen, dass wir niemals seine Feinde sein werden?“

„Wohin wird diese Diskussion uns führen, Großmeister?“, fragte eine Gestalt in schwarzer Kutte in der letzten Reihe leise. Jedermann drehte sich zu dem Sprecher um. Die weißen ägyptischen Symbole Krummstab und Dreschflegel leuchteten beinahe auf dem dunklen Stoff.

„Du hast vollkommen recht, Bruder Osiris. Wir sind heute hier zusammengekommen, um eine Entscheidung zu treffen. Von uns wird gefordert, dass wir die Bruderschaft des Sensenbundes auflösen. Wir müssen uns entscheiden, wie wir uns zu dieser Forderung stellen. Ich bitte um eure Meinungen. Deine, Bruder Osiris, interessiert mich dabei in ganz besonderem Maße.“

„Meine Meinung, Großmeister? Ach! Meine Meinung spielt in dieser Angelegenheit doch überhaupt keine Rolle. Der Führer hat die Auflösung befohlen und sich diesem Befehl zu widersetzen würde er als offene Rebellion auslegen. Ihr alle wisst, Brüder, mit welchen Konsequenzen derjenige zu rechnen hat, den der Führer als Widersacher ansieht. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“

„Danke, Bruder Osiris. Bruder Schlangenzahn?“

„Was können wir schon erreichen, wenn wir uns in Opposition zu Hitler stellen? Durch unsere exponierte Lage an den Schaltstellen der Macht können wir nur dann etwas zum Besseren bewirken, wenn wir auch dort bleiben. Wenn wir unsere Ideen nicht verraten wollen, müssen wir kooperieren, damit wir unseren Einfluss nicht ganz verlieren.“

„Ich sehe das völlig anders“, polterte Bruder Rhino, in der Welt draußen ein hochdekorierter Militär. Gerade wenn wir kooperieren, verraten wir unsere Ideale. Nie zuvor hat die Bruderschaft sich irgendjemandem angebiedert und wir sollten selbst jetzt nicht damit beginnen. Lassen wir die Bruderschaft einstweilen ruhen, warten wir den geeigneten Zeitpunkt ab, bis der Wind sich gedreht hat. Ich gebe Hitler noch ein, höchstens zwei Jahre, dann ist er ohnehin am Ende. Dann wird unsere Zeit wiederkommen.“

„Danke Bruder Rhino. Weitere Wortmeldungen? Wie ich sehe, ist das nicht der Fall. Kommen wir also zur Abstimmung. Wir haben die schwere Wahl zwischen der Auflösung der Bruderschaft, der unveränderten Fortführung unserer Aktivitäten oder – wie Bruder Rhino soeben vorgeschlagen hat – der einstweiligen Stilllegung all unserer Aktivitäten auf unbestimmte Zeit. Ich sehe das Thema für so wichtig an, dass ich Enthaltungen nicht akzeptieren werde. Wer für die Auflösung ist, hebe jetzt die Hand!“

Der Großmeister zählte die Arme, die sich in der Luft befanden. Zu seiner Erleichterung war die von Bruder Osiris nicht darunter.

„Ich halte fest: Wir haben 15 Stimmen für die Auflösung. Wer stimmt für die unveränderte Fortführung?“

Nur vier Hände befanden sich in der Luft. Wieder war die von Bruder Osiris nicht dabei. Das war immerhin zu erwarten gewesen.

„Wer ist für die einstweilige Stilllegung unserer Aktivitäten?“

Wieder zählte der Großmeister. „Auch 15. Ich stelle fest, dass bisher somit 34 von 34 Stimmen abgegeben worden sind. Somit wird meine eigene Stimme zum Zünglein an der Waage. Ich schließe mich mit den mir als Großmeister zustehenden beiden Stimmen der letzten Fraktion an, die damit 17 Stimmen für sich verbuchen kann, was die relative Mehrheit darstellt. Somit wurde beschlossen, dass der Sensenbund einstweilen alle Aktivitäten einstellen wird. Er mag vorläufig gescheitert sein, aber er ist nicht besiegt. Wir werden abwarten, bis unsere Zeit gekommen ist. Wir werden die Pause nutzen, um zu analysieren, welche Fehler wir gemacht haben und unsere Strategie vollkommen überdenken. Wenn wir wiederkommen, werden wir klüger und machtvoller sein als je zuvor. Wir werden der arischen Rasse zu neuer Stärke verhelfen und die Entwicklung der Menschheit auf den Weg hin zum Edelmenschen vorantreiben, wie es unsere Vorgänger beschlossen haben. Wir werden nicht mehr scheitern! Ein Wort noch zum Abschied: Bitte Brüder, behaltet in Erinnerung, dass das strenge Arkanprinzip unseres Bundes, dem jeder einzelne von euch sich unterworfen hat, trotz unserer zeitweiligen Inaktivität nach wie vor gültig bleibt! Wer aus unserem Kreis gegenüber Außenstehenden über unsere Bruderschaft und / oder über deren Interna spricht, hat sein Leben verwirkt sowie das seiner engsten Angehörigen und das seines Bürgen in der Bruderschaft. Pugnando humanitatis!“

„Pugnando humanitatis!“ antwortete ein vielstimmiger Chor.


1

 

München, August 2011

 

„Herein!“

„Hallo, Onkel Richard, ich wollte nur kurz … oh, entschuldige bitte, ich habe nicht gewusst, dass du Besuch hast.“

„Aber mein Liebes, das macht doch nichts. Ganz im Gegenteil. Komm herein!“

Der knapp 70-jährige erhob sich mit einem Elan von seinem Schreibtisch, den man einem Mann, dessen Haar und Vollbart schon vor geraumer Zeit schlohweiß geworden waren, kaum zugetraut hätte. Mit ausgebreiteten Armen und einnehmendem Lächeln ging er auf seine beinahe vierzig Jahre jüngere Nichte – eigentlich seine Großnichte, denn sie war die Tochter seines verunglückten Bruders – zu. Die beiden umarmten sich, wobei der Kontrast zwischen seinem kurzen weißen und ihrem langen, pechschwarzen Haar besonders ins Auge stach. Die dritte Person im Raum, ein athletisch gebauter Mann im mittleren Alter mit Augen, die stahlblau aus dem kantigen Gesicht heraus strahlten, gestattete sich ein seltenes Lächeln.

„Mein Liebes, ich möchte, dass du jemanden kennenlernst. Das ist Jan Küpers. Er kommt gerade aus Berlin und ist der Assistent – ähm, kann man das Wort so verwenden, Jan? Ja? Nun denn – er ist der Assistent und Protegé unseres hochgeschätzten Freundes und Geschäftspartners Erich von Reichswalde. Jan, das ist meine Nichte Antonia. Sie lebt bei uns, seit ihre Eltern vor – Liebes, wie lange ist das nun her? – ach ja, 1994, also vor beinahe sieben Jahren, beide bei einem schrecklichen Autounfall ums Leben gekommen sind. Eine furchtbare Tragödie.“

„Ja, ich erinnere mich. Mein tief empfundenes Beileid.“ Jan Küpers verneigte sich leicht.

„Danke! Interessant, dass Sie in Berlin von einem Autounfall gehört haben, der bei Augsburg geschehen ist.“

„Liebes …“, versuchte Richard, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

Küpers lächelte unverbindlich. „Unser gemeinsamer Freund Erich hat mir davon erzählt. Sie müssen wissen, Fräulein von Niebuhr …“

„Ich bevorzuge die Anrede ‚Frau‘, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“ Auch Antonia lächelte, wenn auch eher herausfordernd.

„Aber selbstverständlich. Ich schätze selbstbewusste Damen außerordentlich. Wie gesagt, Erich von Reichswalde nimmt starken Anteil an den Geschicken dieser Familie. Auf diese Weise habe ich von jenem unfassbaren Unglück gehört. Es hat uns alle sehr mitgenommen, damals.“

„Das ist lieb von Ihnen. Ich danke Ihnen, Herr Küpers.“

„Nennen Sie mich doch bitte Jan.“

„Jan. Aber gerne. Sie bleiben doch über Nacht?“

„Ich gestehe, dass ich ursprünglich nicht vorhatte, Ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, aber Ihr Onkel kann … ausgesprochen überzeugend sein.“

„Wie schön. Dann sehen wir uns morgen zum Frühstück?“

„Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein.“ Küpers verneigte sich ein weiteres Mal. Er sah gut aus, verdammt gut eigentlich. Seine Muskelpakete ließen sich lediglich erahnen unter dem schwarzen Hugo-Boss-Anzug, der sich allerdings neben dem edlen Ermenegildo-Zegna-Stoff, den Onkel Richard trug, beinahe gewöhnlich ausnahm. Das hellbraune Haar trug er kurz geschoren und das kantige Gesicht war perfekt rasiert. Und er hatte gute Manieren. Dennoch. Antonia fühlte eine eigenartige Unruhe in der Nähe dieses Mannes, so als ob sie soeben zu einem Tiger in den Käfig gestiegen wäre … einem schlafenden Tiger, aber dennoch einem Raubtier. Sie setzte ein gewinnendes Lächeln auf. „Das Vergnügen wird ganz auf meiner Seite sein. Onkel Richard, ich wollte dir nur kurz Bescheid geben, dass ich noch einen kleinen Abendbummel in die Stadt mache. Nur, dass du dich nicht sorgst.“

„Liebes, ich mache mir immer Sorgen um dich, das weißt du doch.“

Sie küsste den alten Mann auf die Wange, winkte Küpers kurz zu und schlüpfte behände durch die Tür aus Richards Arbeitszimmer heraus. Sie befand sich nun in der Empfangshalle und überprüfte kurz ihr Aussehen in dem dort aufgestellten Spiegel im Louis-XIV-Stil. Wie üblich hatte sie der Bequemlichkeit ihrer Kleidung den Vorzug vor Eleganz gegeben und die Farbauswahl auf schwarz und weiß reduziert, den Farben, die am besten mit ihrem Teint und dem schwarzen Haar harmonierten. Sie trug schwarze Laufschuhe, eine schwarze Stretchjeans und darüber ein T-Shirt von derselben Farbe. Nur das Seidenjäckchen, welches sie darüber anhatte, war von schlichtem Weiß. Unwillkürlich fragte sie sich, ob diese Zusammenstellung nicht zu figurbetont ausgefallen war … insbesondere seit jenem Ereignis vor 15 Jahren. Aber sie hasste Kleidung, die sie in ihrer Bewegungsfreiheit auf irgendeine Weise einschränkte. Mit ihren Fingern prüfte sie, ob sie ihr Portemonnaie, ihr Handy, die Schlüssel und einige weitere unverzichtbare Utensilien in ihrer Gürteltasche hatte, und schob diese nach hinten auf den Rücken. Mit Handtaschen hatte Antonia noch nie viel anfangen können, ebenso wenig wie mit Rouge, Eyeliner oder Lippenstift. Auch Schmuck trug sie so gut wie nie, außer vielleicht einmal ein schlichtes, schmales Silberkettchen, wenn sie ausging oder wenn Gäste auf Schloss Suresnes erwartet wurden. Sie setzte sich trotz der Dämmerung ihre große Sonnenbrille auf, öffnete die Tür und trat hinaus in einen kleinen Vorgarten. Eigentlich mochte Onkel Richard nicht, wenn sie direkt durch den Rasen zu dem schmiedeeisernen Tor, das zur Straße führte, lief, aber einmal pro Tag würde kaum schaden. Außerdem war Onkel Richard in seinem Arbeitszimmer beschäftigt, dessen Fenster zur anderen Seite, zum französischen Park des Schlosses hin, ausgerichtet waren. Sie öffnete das Tor, schob es auf, wobei es laut knarzte, trat hinaus und schloss hinter sich mit dem großen, alten Schlüssel wieder ab. In diesem Winkel der Stadt war es so ruhig, dass man es kaum für möglich halten mochte, dass man sich in Schwabing, Münchens immer noch lebhaftesten Stadtteil, befand. Doch hierher, in die zwischen Münchner Freiheit und Englischem Garten gelegene Werneckstraße verirrten sich nicht allzu viele Menschen. Selbst von denen, die es taten, wussten nur die wenigsten, dass es am Rande von Schwabing ein kleines, beinahe 300 Jahre altes Schlösschen gab, in dem schon Kurfürsten und bekannte Künstler, darunter Paul Klee, gelebt hatten.

Sie füllte ihre Lungen in einem tiefen Atemzug mit der warmen Sommerluft und ließ sich einfach nur treiben. Ihre Beine trugen sie nicht, wie sonst, in den Englischen Garten, sondern in Richtung Münchner Freiheit. Antonia entschloss sich, sie gewähren zu lassen, obwohl dort selbst um diese Zeit – es war 21:00 Uhr durch – noch rege Betriebsamkeit herrschte. Antonia begab sich eigentlich nur ungern an Orte, an denen sich viele Menschen aufhielten. Man ließ sie zumeist nicht in Ruhe. Manch ein Mädchen würde sich vermutlich geschmeichelt fühlen, wenn es auf Schritt und Tritt von Fremden angesprochen wurde. Aber bei Antonia löste das eine Panik aus, die sie gelegentlich an den Rand eines Brechreizes brachte. Natürlich war sie begehrt. Warum auch nicht? Genau wie ihre Mama war sie sicherlich keine unattraktive Frau. Diese war eine Venezolanerin gewesen und nicht nur in Südamerika hieß es, dass die Frauen aus Venezuela die schönsten der ganzen Welt wären. Antonia wusste, dass diese Behauptung blanker Unsinn war, aber definitiv gab es nirgendwo so viele Miss-Wahlen und Schönheitswettbewerbe wie in diesem Land.

Aber Antonia war nicht allein ihres Aussehens wegen eine äußerst begehrte „Partie“. Sie war die Erbin eines Vermögens, das von der Klatschpresse auf etwa 40 Millionen Euro beziffert wurde. Zugegeben, die doppelte Summe kam der Wahrheit schon beträchtlich näher. Antonia würde sich allerdings eher die Zunge abbeißen, bevor sie in der Öffentlichkeit auch nur ein einziges Wörtchen über ihre Vermögensverhältnisse verlauten lassen würde. Es war unter diesen Umständen nur logisch, dass sie sich als ledige, reiche und obendrein durchaus ansehnliche Frau ständigen Annäherungsversuchen ausgesetzt sah. Sie hatte bislang jedem einzelnen davon widerstanden, obwohl ihre Verwandten aus Venezuela bei jeder Skype-Session gebetsmühlenartig monierten, dass sie mit beinahe 30 Jahren noch unverheiratet war und keine Kinder hatte.

Ja, Kinder zu haben wäre schon schön, aber um welche zu haben, musste man sie erst einmal machen. Bei dem Gedanken daran fuhr ihr ein kalter Schauer die Wirbelsäule hinab.

Sie kniff ihre Lippen zusammen und blickte sich um. Noch immer hatte sie sich an den neuen Busbahnhof, der aussah wie ein riesiger, rechteckiger, weißglänzender Lebkuchen auf papyrusförmigen Säulen, nicht recht gewöhnen können. Immerhin sah er bei Weitem besser aus als der vorige. Sie lief die Treppe zum Untergeschoss hinab, um auf diesem Weg die Leopoldstraße, eine der Hauptverkehrsadern Münchens, zu queren. Kurz befragte sie ihren Magen, ob er Lust auf einen späten Cappuccino in einem der vielen Cafés der Leopoldstraße hatte. Der jedoch sprach sich eindeutig gegen die Zumutung einer Koffeinzufuhr zu solch fortgeschrittener Stunde aus. Antonia war es gewohnt, ihren Instinkten zu vertrauen, auch wenn dadurch Freunde und Verwandte ihre Entschlüsse oftmals nicht nachvollziehen konnten und mit Unverständnis oder Frustration reagierten.

Und gerade eben erwachte einer ihrer Instinkte.

Einer, der ihr sagte, dass sie … intensiv beobachtet wurde.

Sie blieb stehen und sah sich um, unauffällig, so als ob sie sich vergewissern wollte, in welcher Straße sie sich befand. Der Mann, der sich lässig an die Front eines Sportgeschäfts gelehnt hatte und der sie gar nicht zu beachten schien! Sie brauchte nur einen kurzen Blick auf ihn zu werfen, um zu erkennen, dass er die Ursache für das Gefühl von Gefahr war. Gekleidet war er unauffällig: blaue Jeans, weißes T-Shirt und beige-farbenes Sommerjackett. Sportschuhe. Nur die Kopfbedeckung, ein schwarzes Barett, auch als Baskenmütze bekannt, stach etwas heraus, allein schon deshalb, weil man so etwas kaum noch jemanden tragen sah. Betont lässig ging sie weiter. Furcht nagte an ihr, obwohl sie sich einzureden versuchte, dass es dafür nicht den geringsten Grund gab. Nach jenem Ereignis 1996 hatte sie sich geschworen, dass sie nie wieder wehrlos sein würde und diesen Beschluss hatte sie unmittelbar danach in die Tat umgesetzt. Sie hatte Taekwondo-Stunden genommen und das Training mit solcher Hingabe und Intensität betrieben, dass sie bereits nach zweieinhalb Jahren ihren ersten Dan-Grad erreicht hatte. Damit war sie berechtigt, den Schwarzen Gürtel zu tragen. Außerdem war sie eine der ersten Frauen in München gewesen, die sich der Sportart Freerunning verschrieben hatten. Wenn sie weglaufen musste, hatte ein Angreifer kaum eine reelle Chance, ihr folgen zu können, es sei denn vielleicht, er wäre ebenfalls ein Freerunner. Aber die Szene war klein, man kannte sich, und dieser Typ gehörte definitiv nicht dazu.

Vor einem ihrer Lieblingsgeschäfte, einem kleinen Laden, in dem Artikel des traditionellen japanischen Lebensstils feilgeboten wurden, blieb sie stehen. Das Schaufenster war unbeleuchtet, sodass man der Spiegelungen wegen nur wenig von der Auslage erkennen konnte. Aber Antonia interessierte sich im Augenblick ohnehin nicht für das Schaufenster, lediglich für dessen … Reflexionen. Und diese zeigten ihr, dass der Mann mit der Baskenmütze ihr folgte. Gerade blickte er unsicher um sich, um sich schließlich selbst einem Schaufenster zuzuwenden. Keine Frage, dieser Kerl hatte es auf sie abgesehen. Entweder, er war ein Verehrer, der nur zu schüchtern war, sie anzusprechen oder … Schlimmeres. Kurz erwog sie, unmittelbar nach Hause zurückzukehren, aber dazu hätte sie an ihm vorüber gemusst. Undenkbar! Die Polizei rufen? Nein, die würde nichts tun. Sie hatte ja keine Beweise, dass ihr ein Stalker auf den Fersen war. Sie beschloss, weiterzugehen. Vielleicht stieß sie ja auf eine Polizeistreife, die konnte sie dann auf den Mann hinweisen. Ihrer Erfahrung nach verzogen sich aufdringliche Männer sofort, wenn man in Gegenwart der Polizei nur auf sie deutete. Feiglinge allesamt! Spontan überquerte sie die Herzogstraße, um sich mittels der Schaufensterspiegelungen eines exotischen Blumen- und Schokoladengeschäfts nach ihrem Verfolger umzusehen. Dieser stand nun seinerseits vor dem Japan-Laden und gab sich den Anschein eines gelangweilten Passanten. Sie musste ihn loswerden und das rasch. Und sie wusste auch wie. Ganz in der Nähe befand sich der Innenhof einer Möbellagerung- und -transportfirma, in dem ihr Freerunning-Team gelegentlich mit Einsteigern trainierte. Sie kannte dort jeden Mauervorsprung, jeden Griff, jeden Tritt. Dort konnte sie ihm entschlüpfen und er würde nicht einmal bemerken, wohin sie verschwunden war. Doch sie musste sich beeilen, denn mittlerweile wurde es dunkel, sodass es schwierig wurde, den Parcours zu erkennen.

Sie überquerte die Wilhelmstraße und rannte dann unvermittelt los. Der Stalker würde ihr so rasch nicht folgen können, denn er musste erst einmal über beide Straßen, bevor auch er rennen konnte … wenn er das überhaupt wollte. Gottseidank, das Tor zu dem Hof stand offen. Sie bog nach rechts in die Toreinfahrt ein und streifte sich im Laufen ihre Seidenjacke von den Schultern. Die würde sie bei den fast schon akrobatischen Bewegungsabläufen, die vor ihr lagen, nur behindern. Sie warf sie zusammen mit ihrer Sonnenbrille an die Wand des Lagerhauses zu ihrer Rechten und bog dahinter abermals nach rechts ab. Sie rannte, so schnell sie konnte, über das Kopfsteinpflaster bis ans Ende des Hofes, wo sie mit einem Katzensprung die niedrige Mauer erklomm. Die kinetische Energie ihres Schwunges nutzend, richtete sie sich auf, lief zwei Meter nach links und sprang dann über einige Drahtgitterkisten auf einen blauen Container. Von einem zweiten Container aus gelangte sie auf das nur wenig höher gelegene Blechdach einer Garage für Kleintransporter. Sie rannte darüber hinweg zu einem weiteren Mauervorsprung, den sie sich emporschwang. Nun befand sie sich auf einem weiteren Blechdach, das gut und gerne vier Meter über dem Boden lag. Rasch legte sie sich flach darauf, um von unten nicht gesehen werden zu können, und robbte sich ein wenig vor. Sie hatte kaum 25 Sekunden für die Strecke benötigt.

Da kam ihr Verfolger bereits. Er atmete schwer. Offenbar war er es nicht gewohnt, viel zu laufen. Sie erlaubte sich, aufzuatmen. Mit einer solchen Kondition hätte er keine Chance, ihr auch nur ansatzweise zu folgen. Er stutzte, zog etwas Längliches aus einer Jackeninnentasche und hielt es vor sich. Antonia konnte der Dunkelheit wegen nicht erkennen, um was es sich dabei handelte. Eine Pistole? Nein, dafür war es zu lang. Möglicherweise ein Messer? Ein Schauer lief ihr den Rücken hinab. Rasch huschte der Blick des Mannes von rechts nach links und wieder zurück. Offenbar konnte er nicht verstehen, wohin Antonia verschwunden war. Er bückte sich und hob ihr weißes Jäckchen auf. Fluchend warf er es auf den Boden. Antonia glaubte, das französische Wort Merde zu verstehen, war sich aber nicht ganz sicher. Zu ihrem Erstaunen zog er ein Handy aus seiner Hosentasche und wählte eine Nummer. Er sprach kurz etwas hinein, beendete das Gespräch und steckte es wieder ein. Dann verließ er den Innenhof mit raschen Schritten. Antonia stand vorsichtig auf, bereit, jederzeit über das niedrigere Garagendach hinter ihr in den Nachbarhof zu springen. Sie musste dem Mann hinterher, aber ohne, dass der davon Wind bekam. Es konnte keinesfalls schaden, so jemanden im Auge zu behalten. Heute hatte er sie verfolgt, morgen wäre vielleicht schon ein anderes Opfer dran, das dann womöglich nicht wegrennen oder sich verteidigen konnte. Sie wollte ihren Beobachtungsposten soeben verlassen, um ihren Entschluss in die Tat umzusetzen, als ein Geräusch aus einem der Nachbarhöfe ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Der Schrei einer Frau, ein Schrei, der nur eine Sekunde lang zu hören gewesen war, bevor er unterdrückt wurde, vermutlich gewaltsam. Kurz entschlossen rannte sie los, in die Richtung, aus welcher der Schrei gekommen sein musste. Ihr Verfolger musste warten.


2

 

¡A la batalla!“ – Auf in die Schlacht!

„Was sollas, Manco. Brüll nich‘ immer so rum von Schlachten, sonst meint noch jemand, wir ham Krieg und dann gibs Ärger.“

„Ach, leck mich, Dumpfbacke! Was weißt du denn schon vom Krieg, Ramón. Nichts, nothing, nada! Keine Ahnung hast du. Nur rummosern. Aber ich, ich war im Krieg. Jawoll. Prost!“

Das war das Stichwort für jeden, der seine Bierflasche irgendwo abgestellt hatte, sich dieselbe zu schnappen und sich dem allgemeinen Geklirre des Zusammenstoßens anzuschließen. Mehr als jeder Ehering unter Ehegatten, den manch einer der Männer im Raum am Finger trug, schien dieses Ritual die Männer aneinanderzuschweißen. Elias wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er konnte kaum richtig sehen in dem funzeligen Licht dieses Raums. Alles, was in seinen Fokus geriet, verwischte rasch an den Rand seines Sichtfeldes, ganz so, als ob er in einem sich schnell drehenden Kirmeskarussel säße. Wenn es aber jemand gewagt hätte, ihn darauf hinzuweisen, dass er genug hatte, hätte derjenige sicherlich eine negative Antwort bekommen, im Gegenzug womöglich aber auch ein oder zwei Zähne eingebüßt. Elias war nämlich hochgradig empfindlich – er selbst nannte es vorzugsweise sensibel – und wusste, wann er genug hatte. Und dies war regelmäßig dann der Fall, wenn er keine Bierflasche mehr in der Hand halten konnte oder wenn ihm und seinen Freunden das Geld ausgegangen war.

„Soll ich dir mal was erzählen vom Krieg? Ja? Ich war nämlich dabei, weißt du?“, rief er über die halblaute Bachata-Musik hinweg.

Elias fuchtelte dabei mit zu Pistolen geformten Fingern in der Luft herum und stieß dazu Pfeiflaute aus, die manch ein paarungsbereites Paradiesvogelmännchen als Herausforderung aufgefasst hätte.

„Red kein Blech, Manco!“, schaltete sich Ernesto ein, ein langhaariger Ecuadorianer, der von den meisten seiner Kumpels nur Che genannt wurde, weil er sich mit dem berühmten Revolutionsführer Guevara denselben Vornamen teilte … und dessen Vorliebe für wallendes, schulterlanges Haar. „Der letzte sogenannte Krieg, in den El Perú verwickelt war, war eine kleine Schießerei, als ein paar Schwachköpfe aus eurer Armee sich verlaufen haben und dabei in unser Land gekommen sind.“

„Was sagst du da? Wir haben uns verlaufen? Eure Soldaten sind bewaffnet auf unser Land gekommen, so war das!“

„Ist doch egal. Jedenfalls waren das kleine Scharmützel, von denen selbst die meisten Soldaten nur aus der Zeitung gelesen haben. Aber wenn du wirklich dabei gewesen wärest, hätte ich dir sofort geglaubt, dass du unser Land nicht angreifen willst, sondern dich nur verlaufen hast auf der Suche nach kühlem Bier. Prost!“

Wieder klirrte es. Es spielte auch gar keine Rolle, ob die Männer sich gerade in den Armen lagen oder drauf und dran waren, sich gegenseitig die „Fresse“ mit den Fäusten zu polieren. Das Ritual des Zusammenstoßens war verbindlich und machte sie unversehens alle wieder zu den besten Freunden auf der Welt.

Elias blickte voller Zweifel auf seine Flasche. Er hielt sie an den Mund und ließ die letzten Tropfen auf seine Zunge rieseln. „Ey, José, schieb noch ’n Bier rüber!“

Elias fing die geworfene Flasche mit einem Reflex auf, zu dem Betrunkene meist nur in lebensbedrohlichen Situationen fähig sind. Er öffnete sie mit den Zähnen, spuckte den Kronkorken auf den Boden. Dabei achtete er nicht auf den Schaum, der aus der Flasche schoss und sich über seine Hand und seine Hose auf den Boden ergoss.

„Schon mal was vom ‚Leuchtenden Pfad‘ gehört? Ja? Da hast du es. Das war ein Krieg, ob du das so nennen willst oder nicht. Pa-pa-pa-pa-pa-pa-pa-pa-pa-pa-pa-pa-pa”, ahmte Elias lautstark den Klang einer Maschinenpistole nach und fuchtelte, eine imaginäre Waffe haltend, so wild herum, dass noch mehr Bier auf den Boden kippte. „Ich war dabei damals. Gezeigt haben wir’s den Schweinen. Jawoll, so war das. Prost! – Hey, José, willst du mich verarschen? Die Flasche ist ja halb leer. Gib mir noch eine, aber dieses Mal eine volle, wenn ich …“

Elias verstummte und blickte nur noch stier vor sich hin.

„José! Ich muss nun wirklich los“, sagte Che und erhob sich mühsam vom Boden. „Danke für das Bier. Wir sehen uns morgen in der Arbeit. Kommst du, Ramón? Deine Alte wird schon ziemlich sauer sein. Oder?“

„Meine Alde?“ Ramón schreckte aus seinen Träumen und blickte plötzlich sehr furchtsam aus der Wäsche. „Wo? Wo issie?“

„Zuhause, Ramón. Und da solltest du jetzt auch hingehen.“

„Ja. Aber die wird wieder ssauer sein. Weiß‘ du, die versteht mich nicht. Ich kann machen, wassich will, sie versteht mich einfach nich‘. Wie soll man mit einer Frau susammenleben, die nicht versteht, dass Freunde wichtig sind. Freundschaft muss man flegen, nich‘? Oder? Sag doch!“

Che brummte irgendetwas Unverständliches.

„Na also. Und das will sie einfach nich‘ verstehen.“

Mit einigen Schwierigkeiten halfen José und Che Ramón auf die Beine. Jacken hatten sie wegen der schwülen Sommerhitze keine und so gestaltete sich ihr Abschied kurz und schmerzlos. José, der Hausherr, kehrte zu Elias zurück und setzte sich ihm gegenüber auf den Boden.

„… bitten darf“, nahm Elias den Satz von vor einer Minute wieder auf. Nachdenklich sah José Elias an. Im Augenblick konnte der optische Eindruck wahrlich nicht als sonderlich vorteilhaft bezeichnet werden. Das lange dünne Haar hing ihm in fettigen Strähnen vom Kopf und das rundliche Gesicht wirkte aufgedunsen. Das hell- und dunkelblau karierte Baumwollhemd und die etwas zu kurze schwarze Jeans wiesen deutliche Nässeflecken auf, zum Glück nicht an der Stelle, an der es besonders peinlich ausgesehen hätte.

„Sag mal, Manco“, begann José und legte seinem Gegenüber eine Hand auf die Schulter. „Wartet auf dich denn keine Mamacita?“

„Eine Frau? Was soll ich denn mit einer Frau? Die wollen doch alle immer nur das Eine.“

„Ja“, bestätigte José, selbst Junggeselle, verdrießlich und kratzte sich an seinem überbreiten Scheitel. „Dein Geld.“

„Das auch“, grunzte Elias. „Was ich meine, ist: Heiraten wollen sie und Kinder. Scheiße, was soll ich denn mit Kindern? Ich will keine Kinder, verdammt. Irgendwann wollen die immer, dass ich ihnen ein Kind mache. Jede! Ist doch verrückt, oder? Und dann, dann muss ich Unterhalt zahlen. Und woher ich das Geld nehmen soll, das ist ihnen dann schnurzpiepegal. Ich hab ein fiktives Einkommen, hat mal so ein Schwachkopf vom Jugendamt gesagt. Weißt du, was das ist, ein fiktives Einkommen? Und wie ich da rankomme?“

„Ja!“, brummte José, der sich diesen Begriff auch schon einmal von einem Fachanwalt für Familienrecht hatte erklären lassen müssen. „Das kann ich. Aber du wirst es nicht verstehen. Kann nämlich kein Mensch verstehen, außer er ist Anwalt. Und ein Anwalt versteht’s auch nicht mehr, wenn er so besoffen ist, wie wir. Und heute schon gar nicht mehr. Ich muss morgen nämlich in die Arbeit, in …“. Er hielt seine Armbanduhr ganz nahe an die einzige Glühbirne im Raum, die so schwach leuchtete, dass sich der Verdacht erhärten wollte, dass sie schon zwei Vormieter überlebt hatte. „… in genau vier Stunden. Ich hab nämlich Frühschicht morgen. Und die darf ich nicht verpassen. Sonst kommt wieder so ein Arsch von Anwalt und erzählt mir was von fiktivem Einkommen. Hier, Manco, hast du noch eine Flasche für den Nachhauseweg! Und jetzt schau, dass du rauskommst. Du hast doch eine Wohnung im Moment, oder?“

„Ja, klar“, grunzte Elias ungeduldig, stellte seine Bierflasche auf den Boden, versicherte sich, dass sie wirklich stabil stand, und hievte sich dann, sich auf sie stützend, in die Höhe. Er leerte die alte Flasche aus und griff dankbar nach der neuen. „Oder hältst du mich vielleicht für irgend so einen asozialen Arsch? Ich zahle Steuern, José, jawoll. Weil ich nämlich ein Akademiker bin. Ich hab Medizin studiert. An der Uni. Ich kann dir die Papiere zeigen, ehrlich, ich hab Papiere.“ Wieder entließ er eine atonale Pfeifkaskade in die Luft. „Ich kann’s beweisen, du wirst schon sehen, das nächste Mal bringe ich sie mit.“

„Lass mal gut sein, Manco!“ José nahm Elias an der Hand und führte ihn sachte durch den Flur, wo er die Wohnungstür öffnete und Elias hinausschob. „Wir sehen uns. ¡Buenas noches!


Elias sah sich um. Er hatte gedacht, dass er die Richtung zur nächsten U-Bahn-Station eingeschlagen hätte, aber hier sah alles nach Wohngegend aus. Hier war nichts los und das, obwohl es erst halb zehn Uhr nachts war. Viel zu früh, um über Schlafen nachzudenken. Aber es gab keine Kneipen. Und das mitten in Schwabing. Dieser Stadtteil war auch nicht mehr das, was er mal gewesen war. Früher hatte es an jeder Straßenecke Rambazamba und in jeder zweiten Kneipe Livemusik gegeben. Hatte er jedenfalls von seinem Freund Alejandro gehört, der schon seit seiner frühesten Jugend in München wohnte. Und Alejandro war auch nicht mehr gerade der Jüngste. Enttäuscht schleuderte er Schwabing eine abwertende Handbewegung entgegen.

Er hatte keine Ahnung, wo genau er sich eigentlich befand. Zwar hätte er ein Straßenschild lesen können, aber was half das schon, wenn man keinen Stadtplan bei sich hatte. Andererseits berührte seine Orientierungslosigkeit ihn nicht allzu sehr. Er hatte seine Chance verpasst. Selber schuld! Er hätte José oder einen der anderen Jungs fragen sollen, ob er heute Nacht bei ihm schlafen könnte, aber er hatte es vermasselt. Sein blöder, verdammter Stolz! Hätte er nicht einfach nur sagen können, dass er seinen Haustürschlüssel verlegt hätte … oder dass er Besuch aus Peru oder Japan – ja, warum nicht Japan? – hätte, den er nicht aufwecken wollte? Egal. Er würde schon ein schönes Plätzchen zum Schlafen finden – später. Er fand immer eins, egal wie besoffen er war. Der einzige Unterschied war der, dass er mit steigendem Alkoholspiegel im Blut anspruchsloser in der Wahl seiner Schlafstätte wurde. Einmal war er in einem Blumenbeet aufgewacht, als kleine Kinder seinetwegen einen Heidenlärm veranstaltet hatten. Eine ganze Menge kleine Kinder. Er hatte es nachts irgendwie fertiggebracht, über eine Mauer zu klettern und es war die Mauer eines … Kindergartens gewesen. Welch eine absolut entwürdigende Erfahrung! Was wussten Erzieherinnen schon vom wahren Leben? Gleich nach der Schule nahmen sie eine langjährige Ausbildung auf sich, um danach kleinen Kindern vorzugaukeln, dass sie ganz genau wüssten, wo es im Leben langging. Betrügerinnen an Kleinkindern, denn in Wirklichkeit hatten sie keine Ahnung. Pfui! Und sie hatten keinen Respekt. Er war immerhin Akademiker. Er hatte studiert. Nun ja, zumindest hatte er es ein paar Semester lang versucht. Sie dagegen? Waren nur Erzieherinnen. Wie hatten sie es wagen können, ihn so anzublaffen und gar mit der Polizei zu drohen? Musste man sich etwa schon wie ein Verbrecher behandeln lassen, nur weil man die Nacht nicht in einem Bett verbracht hatte?

Wieder macht er die verächtliche Handbewegung und lief weiter. Zwei Straßenzüge weiter kam ihm eine Idee. Er würde Rodrigo anrufen. Der befand sich jetzt sicher an einem Ort, wo man zu dieser frühen Stunde noch ein wenig feiern würde. Feiern war das einzig Richtige, was man im Leben tun konnte: Das Leben zelebrieren, sich am und über das Leben freuen und dieser Freude zusammen mit anderen Menschen Ausdruck verleihen. Im Prinzip war dies eine Art Gottesdienst und Elias sah sich als ein Hohepriester des Lebens. Irritiert stellte er fest, dass seine Finger das Handy in seinen Taschen nicht hatten ausfindig machen können. Er griff noch einmal bewusst in jede einzelne Hosen- und Hemdtasche und … zur Sicherheit gleich noch einmal. Er hatte definitiv kein Handy bei sich. ¡Carajo! Wo zum Teufel mochte es jetzt schon wieder stecken? Verloren? Irgendwo vergessen? Geklaut? Wieder mal? Doch es war nicht der Wert des Mobiltelefons, der ihm zu schaffen machte, auch nicht die 15 € Gesprächsguthaben, die noch drauf sein mochten. Einzig das Unvermögen, hier und jetzt seinen Kumpel Rodrigo anzurufen, erbitterte ihn. Auf einen Schlag war seine gute Laune wie weggeblasen. Falls es jetzt jemand wagen sollte, ihn auch nur schräg von der Seite anzusehen …

Missmutig trottete er weiter. Unvermittelt nahm er aus den Augenwinkeln eine rasche Bewegung wahr. In der Einfahrt zu seiner Rechten tat sich etwas. Eine dunkle Gestalt huschte aus dem Licht einer Lampe über dem Torbogen in den Schatten der Einfahrt. Misstrauisch kam Elias näher. Die Lampe blendete ihn, sodass er nicht erkennen konnte, was in der Einfahrt oder dem Hinterhof vor sich ging.

„Hau bloß ab, wenn dir an deiner Visage was liegt, du Kanake! Und zwar ein bisschen pronto!“, raunte eine raue Stimme ihm aus der Dunkelheit zu. Gleichzeitig erscholl ein schriller kurzer Schrei, der aber sofort wieder unterdrückt wurde. Der Schrei einer Frau. Der Schrei einer Frau in Not. Elias erstarrte. Gerechter Zorn kochte in ihm hoch. „Was ist hier los, du Schwein?“, rief er und stürmte vorwärts. Ein Schatten baute sich vor ihm auf, gut einen Kopf größer als er. Elias wurde von zwei kräftigen Armen zurückgestoßen und fiel hart auf den Pflastersteinboden. Ebenso die Bierflasche, die er noch in der Hand gehalten hatte und die den Aufprall nicht überlebte. So lief das nicht! Niemand legte sich mit Elias Manco Quispe an, ohne nicht zumindest ein kräftiges Veilchen zu riskieren. Elias Zähne knirschten, als er sich mühsam aufrappelte.

„Ha! Voll wie eine Haubitze, der Kleine“, lachte der Schatten. „Deine Fahne stinkt ja zwei Meilen gegen den Wind. Mach lieber die Fliege, solange du noch ein Bein vor das andere bekommst!“

„Dann pass mal auf, was eine Haubitze macht, wenn Feuer dran kommt.“ Wie eine Rakete schoss Elias vor, versteifte sein Genick und rammte seinem Gegner den Kopf in den Bauch. Der ging mit einem Ächzen zu Boden und Elias stürzte über ihn hinweg. Aber mit einer Geschwindigkeit, die man einem behäbigen Mann wie ihm nicht einmal in nüchternem Zustand zugetraut hätte, war er wieder obenauf. Wütend versenkte er seine rechte Faust in der linken Gesichtshälfte des Gegners. Ein überraschter Aufschrei von links machte ihm klar, dass der Schatten nicht alleine war. Da waren noch Andere! Aber bevor er sich aufzurichten vermochte, erhielt er einen kräftigen Schlag mit etwas Hartem auf den Hinterkopf und wieder ging er zu Boden. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder aufrappeln konnte. Seine Hand griff nach der schmerzhaft dröhnenden Stelle an seinem Kopf und spürte etwas Warmes, Feuchtes. Er blickte nach oben, aber ein heftiger Schwindel, der nicht von dem genossenen Alkohol herrührte, drohte, ihm das Bewusstsein zu rauben. Er konnte kaum erkennen, was um ihn herum vorging, und selbst das Wenige, das er wahrnahm, vermochte er nicht einzuordnen. Da waren Männer, zwei Männer, zwischen denen ein schwarzer Blitz hin- und herzuckte, während hektische „Nebenblitze“ auf die Männer herabfuhren. Irgendwo in der Nähe kreischte eine Frau in den höchsten Tönen um Hilfe. Doch nach wenigen Sekunden ebbte das Kreischen ab und wandelte sich zu einem heftigen Schluchzen. „¡A la batalla!“, rief Elias, doch sein Kampfruf geriet wenig überzeugend. Der schwarze Blitz kam schlagartig zur Ruhe und beugte sich plötzlich zu ihm herab. Die zwei Männer waren weg, nein, einer war weg. Der andere lag in ein paar Metern Entfernung regungslos auf dem Boden. Elias fühlte einen samtweichen Vorhang über sein Gesicht streichen, dann Finger, die vorsichtig seinen Hinterkopf abtasteten. Er wollte etwas sagen, etwas Gewichtiges wie zum Beispiel, dass er alles unter Kontrolle hätte, aber seine Zunge verweigerte ihm den Dienst. Die dunkle Gestalt richtete sich wieder auf. Drei Piepstöne signalisierten ihm, dass jemand in der Nähe ein Handy benutzte, dann vernahm er die Stimme einer Frau. Sie sprach ein paar Sätze, von denen er nur die Worte „Polizei“, „Notarzt“ und „vier Personen“ registrierte. Er hörte zwei Frauen miteinander sprechen, kurz darauf näherten sich aus der Ferne Martinshörner. Elias hasste Martinshörner. Sie bedeuteten Ärger, Ärger und nochmals Ärger. Elias hasste Ärger. Er versuchte, sich hochzurappeln, er musste weg. Aber eine Hand drückte sanft auf seine Schulter und zwang ihn zurück auf den Boden. „Ganz ruhig“, sagte eine weiche, weibliche Stimme. „Gleich kommt jemand, der Ihnen helfen wird.“ Er wollte sich nicht helfen lassen, bemühte sich, aufzustehen, jedoch, es war zwecklos. Eine schwere Müdigkeit bemächtigte sich seiner und er konnte nicht anders, als ihr nachzugeben.


3

 

Das Wellblechdach, auf dem sie lag, war alles andere als bequem. Außerdem wehte ein sanftes Lüftlein die mannigfaltige Geruchswelt aus den unter ihr abgestellten Mülltonnen zu ihr herauf, doch Antonia bemerkte das kaum. Sowohl von den Beteiligten als auch von den Gaffern unbemerkt geblieben, die dem Geschehen in dem kleinen Hinterhof zusahen, hatte eine unglaubliche Euphorie sie gepackt. Was ihr da soeben gelungen war, war die vollständige Erfüllung eines alten Kindheitstraums gewesen. Wie oft hatte sie sich in den vergangenen Jahren vorgestellt, wie sie als einsame Rächerin der Nacht Vergewaltigern das Handwerk legen und deren Opfer retten würde. Heute hatte sie es getan. Sie hatte es getan. Ohne nachzudenken, war sie über Garagendächer, Mauern, Mülltonnenhäuschen und Hecken in den Hinterhof gesprungen und hatte sich, ohne auch nur eine Sekunde lang über Konsequenzen oder Gefahren für Leib und Leben nachzudenken, in den Kampf gestürzt. Ein Unbekannter hatte ihr bereits einen Teil der Arbeit abgenommen und ihr ermöglicht, in einem Moment der Überraschung zuzuschlagen. Ohne diese Hilfe wäre die Geschichte möglicherweise weniger glimpflich ausgegangen. Es war ihr gelungen, ruhig und besonnen zu bleiben, die Situation zu analysieren. Sie hatte – wie sie es so oft trainiert hatte – stets gewusst, wo ihre Gegner standen und was sie taten und hatte sie mit raschen und gezielten Taekwondoschlägen und -Tritten abgewehrt. Diese Gangster hatten keine ernst zu nehmenden Gegner dargestellt, aber das war vermutlich dem Überraschungsmoment zu verdanken gewesen. Der einzige Wermutstropfen blieb, dass einem der zwei verbliebenen Vergewaltiger die Flucht gelungen war. Sie hätte ihn verfolgen können, aber dann hätte sie den Tatort verlassen müssen. Die Comics der Superheldinnen, die sie mit 14 gelesen hatte, fielen ihr wieder ein: Wonder Woman, Batgirl, Elektra, Catwoman, Spider Woman und wie sie alle hießen. Noch heute bewahrte sie einen riesigen Stapel dieser Hefte in einer Kiste im Keller auf. Das waren Heldinnen ihrer Jugend gewesen: stark, athletisch, beinahe unbesiegbar. Demjenigen, der versucht hätte, eine dieser Frauen zu vergewaltigen, so wie Antonia vergewaltigt worden war, damals, 1996, wäre es extrem schlecht bekommen. Doch leider, solche Frauen gab es im wirklichen Leben nicht. Sie waren allesamt Ausgeburten der Fantasie – männlicher Fantasie, zu allem Überfluss. Im besten Fall, um Mädchen wie ihr Mut zu machen aber – wie sie erst deutlich später realisiert hatte – in erster Linie, um damit kräftig Geld zu verdienen. Doch heute, heute in Schwabing, war eine Heldin geboren worden. Antonia konnte sich nicht erinnern, dass sie sich je so high vor lauter Glück gefühlt hatte. Das hier hatte sie geschafft, sie alleine. Für ihr Aussehen konnte sie nichts, ihr Vermögen hatte sie geerbt und die Arbeit, der sie in der überwiegend familieneigenen Mellon AG nachging, war ihr in den Schoß gefallen. Aber das war die erste Errungenschaft, die sie sich ganz alleine auf die Fahne schreiben konnte.


Soeben fuhr der erste Krankenwagen ab. Er verzichtete auf Blaulicht und Martinshorn, was gut war, denn das bedeutete, dass die darin befindliche Person nicht in akuter Gefahr schwebte. Und es bedeutete auch, dass dies auch für die anderen Verletzten galt, denn sicherlich würde man zuerst die Person ins Krankenhaus bringen, die der ärztlichen Hilfe am dringendsten bedurfte. Außer den Sanitätern befanden sich noch mehrere Polizisten vor Ort. Sie fotografierten, befragten Passanten und vor allem das Beinahe-Vergewaltigungs-Opfer und machten sich eifrig Notizen. Die junge, blonde Frau, die der Tat um ein Haar zum Opfer gefallen wäre, war zwar unverletzt geblieben. Dennoch würde man sie wohl ins Krankenhaus einweisen, zur Sicherheit und um sie psychologisch betreuen zu können. Sie musste eine Todesangst ausgestanden haben, denn einer der beiden Kerle, die sich an sie herangemacht hatten, hatte ein Springmesser dabei gehabt und sie wohl damit bedroht. Antonia hatte es ihm während des Kampfes mit einem raschen Tritt aus der Hand geschlagen. Antonia wusste genau, wie die Frau sich gefühlt haben musste und sie konnte die Dankbarkeit verstehen, die diese ihr entgegenbrachte. Sie hatte Antonia aufhalten wollen, nachdem sie mit dem Handy, das einer der Täter verloren hatte, anonym Polizei und Notarzt angefordert hatte, nur um selbst gleich darauf zu verschwinden. Aber all die Dankbarkeit hätte nicht den Ärger aufgewogen, dem sie sich ausgesetzt gesehen hätte, wäre sie geblieben, um der Polizei Rede und Antwort zu stehen. Nein, völlig undenkbar, dass morgen an jedem Zeitungsständer die Schlagzeile „Millionenerbin schlägt Vergewaltiger nieder“ mit ihrem Foto prangen würde. Sie hatte bereits jetzt mehr Aufmerksamkeit, als sie verkraften konnte. Mehr war definitiv undenkbar. Deshalb war wie über die Hecke auf das Nachbargrundstück geflohen und hatte sich auf das Dach des Mülltonnenhäuschens geschwungen, eben als das erste Polizeieinsatzfahrzeug an der Hofeinfahrt angekommen war. Dank ihrer schwarzen Haare und ihres schwarzen Outfits hatte niemand sie bemerkt. Ihr Gesicht dürfte auch niemand erkannt haben außer dem Opfer, mit dem sie kurz gesprochen hatte, nachdem alles vorbei war.

Langsam kehrte in dem Hof unter ihr wieder Ruhe ein. Die Polizisten steckten ihre Notizblöcke weg und verließen den Hinterhof. Einer der Polizisten musterte zum Abschied noch einmal die gesamte Umgebung. Für einen kurzen Augenblick schien es Antonia, als ob er ihr direkt in die Augen blickte und in seinem Rundblick innehielt. Doch schließlich wandte er sich um und verließ den Hof als Letzter.

Was sollte sie jetzt tun? Sie konnte zurückkehren in den Nachbar-Innenhof, in dem sie ihrem Verfolger entwischt war, nachsehen, ob der sich noch irgendwo in der Gegend herumtrieb. Irgendwie hatte sie ein schlechtes Gefühl, was diesen Kerl betraf. Irgendetwas stimmte nicht. Die Art, wie er ihr gefolgt war, war nicht typisch für einen Vergewaltiger. Er hätte sich sagen müssen, dass sie sein Gesicht gesehen hatte und ihn wahrscheinlich identifizieren konnte. Ein Vergewaltiger dagegen war von Natur aus feige; so feige, dass er es nicht fertig brachte, einer Frau auch nur in die Augen zu sehen. Es sei denn, er hielt ihr ein Messer an den Hals. Und was war das für ein Utensil in seiner Hand gewesen? In solch einer Situation doch wohl nur eine Waffe. Jemand, der Frauen mit einer Waffe in der Hand verfolgte, war definitiv gefährlich. Also war es wichtig, den Mann ausfindig zu machen, sein Geheimnis zu lüften. Was hatte sie schon von ihm zu fürchten, solange es ihr gelang, im Verborgenen zu bleiben? Und falls es zu einer Konfrontation kommen würde, so hatte sich soeben gezeigt, dass sie in einer solchen Situation durchaus bestehen konnte.


4

 

Berlin, August 2011

 

Sanft summte das Handy, während es gleichzeitig vibrierte. Der Großmeister blickte kurz auf das Display und sein Missvergnügen ob des Anrufs zu so später Stunde verflüchtigte sich augenblicklich. Dieser Mann durfte wirklich zu jeder Tag- und Nachtzeit anrufen, denn der Großmeister konnte sich darauf verlassen, dass es wirklich wichtig war. Vermutlich wollte der Anrufer den erfolgreichen Abschluss seines Auftrages melden. Der Großmeister setzte sich an seinen Schreibtisch und schaltete die Tischlampe ein, die so ausgerichtet war, dass sein Gesicht im Schatten lag. Er drückte auf dem Touchscreen den Knopf „Annehmen“ und sagte: „Ja?“

Er meldete sich nie mit Namen und er sprach auch seinen Anrufer nie mit einem solchen an. Der wurde auf dem Display zwar angezeigt. Aber man konnte ja nie wissen, ob nicht irgendein Fremder das Handy gefunden hatte, und die eingespeicherten Nummern durchprobierte auf der Suche nach dem rechtmäßigen Eigentümer.

„Eins-null-null-acht-zwo-null-eins-eins“, meldete sich der Anrufer.

„Zwei-zwei-vier-drei“, antwortete der Großmeister mit einem Blick auf seine Rolex. Bruder Termite hatte dieses System der Authentifizierung erst vor wenigen Jahren in der Bruderschaft des Sensenbundes eingeführt. Beide Seiten konnten so immer sicher sein, mit einem Eingeweihten oder gar einem Bruder zu sprechen. Der Code war simpel, aber effektiv: Der Anrufer übermittelte das aktuelle Datum, der Angerufene antwortete mit der aktuellen Uhrzeit. Wenn der Anrufer dieses System nicht kannte oder sich anders als auf die geforderte Weise meldete, dann stellte man sich entweder ganz dumm, man verkündete ein forsches „falsch verbunden“ oder man beendete das Gespräch schlichtweg durch Auflegen.

„Ich hoffe, ich störe Sie nicht, Großmeister“, sagte der Anrufer.

„Aber du doch nicht, Bruder Termite. Was gibt es denn?“

„Leider muss ich melden, dass die spezielle Mission in München gescheitert ist, vorerst jedenfalls.“

„Gescheitert? Wie ist das möglich? Die Aufgabe war nicht sonderlich kompliziert.“

„Nein, Großmeister, überhaupt nicht. Nur wollte ich, wie Sie es angeordnet haben, nicht persönlich in Erscheinung treten und habe stattdessen einen Mann angeheuert, der für mich schon mehrere solcher Jobs erledigt hat. Ein Franzose, der kaltblütig und routiniert ist wie kein anderer. Verzeihung, ‚war‘, nicht ‚ist‘.“

„Du hast ihn getötet, weil er versagt hat?“

„Nein, ich habe ihn getötet, weil er unprofessionell vorgegangen ist. Er hat mich doch tatsächlich sofort angerufen, nachdem ihm die Zielperson entschlüpft ist.“

„Das hört sich in meinen Ohren nicht so furchtbar schlimm an. Hat er denn Namen genannt?“

„Nein, aber er hat verlangt, dass ich mich sofort mit ihm treffe, sonst würde ich es bereuen. Das war schon mal ein vollkommen indiskutables Verhalten. Und als wir uns später gegenübergestanden haben, hat er trotz seines vollkommenen Versagens einen Teil der vereinbarten Bezahlung gefordert und angedeutet, dass es für mich besser wäre, seinem Ersuchen nachzukommen. Als wenn das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, hat er mich dabei mit seinem Revolver bedroht. Und es gibt nun mal nichts, das ich mehr hasse als Unprofessionalität und Unzuverlässigkeit. Nun, das ist Schnee von gestern. Spuren wurden keine hinterlassen. Man wird nicht einmal seine Leiche finden. Der Fall ist abgeschlossen.“

„Es war … doch hoffentlich keiner aus der Bruderschaft?“

„Seien Sie ohne Sorge, Großmeister! Der Mann wurde gegen Geld angeheuert und hatte weder Kenntnis von der Bruderschaft noch von meiner wahren Identität.“

„Nun, der amerikanische Managementtheoretiker Chester Barnard hat einmal gesagt: ‚Einen Versuch wagen und dabei scheitern bringt zumindest einen Gewinn an Wissen und Erfahrung. Nichts riskieren dagegen heißt einen nicht abschätzbaren Verlust auf sich nehmen – den Verlust des Gewinns, den das Wagnis möglicherweise eingebracht hätte.‘ Nimm es dir also nicht zu sehr zu Herzen, Bruder Termite!“

„Das mag wohl so sein. Ich jedenfalls habe meine Lektion gelernt und werde den Auftrag doch lieber höchstpersönlich erledigen.“

„Nein.“

„Nein?“

„Nein. Nicht jetzt. Unser Plan tritt nun in die vorletzte Phase ein. Es steht so ungeheuer viel auf dem Spiel, jetzt, wo wir so kurz vor dem Ziel stehen. Da will ich nicht, dass du in irgendeine Sache verwickelt wirst, die Staub aufwirbelt. Ein kleiner, dummer Zufall genügt und du könntest erkannt werden. Das könnte wiederum jemanden auf meine Spur lenken. Und das wäre etwas, das wir uns in der jetzigen Phase auf gar keinen Fall erlauben können.“

„Aber Sie haben auch gesagt, dass diese Antonia von Niebuhr eine Gefahr darstellt, die uns ebenfalls gefährlich werden kann.“

„Nein. Ich habe gesagt, dass sie uns gefährlich werden könnte. Das ist nicht ganz dasselbe. Noch scheint ihr nicht klar zu sein, was genau sie da gefunden hat.“

„Sie ist ebenso neugierig wie ihr Vater. Und sie scheint nicht dumm zu sein. Wollen Sie wirklich das Risiko eingehen, dass sie durch einen Zufall oder durch allzu intensive Schnüffelei irgendwie auf unsere Pläne stößt?“

„Nein. Aber meine Aufgabe ist unter anderem, die Risiken untereinander abzuwägen. Momentan erscheint es mir riskanter, das junge Fräulein von Niebuhr allzu offensiv anzugehen. Ein Unfall, so wie bei ihren Eltern, wäre nicht schlecht. Oder eine Gewalttat, die sich auf gar keinen Fall zu uns zurückverfolgen lässt. Aber Letzteres ist nicht gewährleistet, wenn du direkt in der Sache aktiv wirst.

Wie ist eigentlich dein Auftrag in Bezug auf unsere neue Münchner Einsatzzentrale abgelaufen. Ist alles bereit?“

„Wir sind im Plan. Es ist zwar nicht alles so glattgegangen, wie ich mir das erhofft hätte, aber, ja, alles in Ordnung. Niemand ahnt auch nur das Geringste. Die Gefahr einer Entdeckung ist quasi nicht-existent.“

„Exzellent. Dann solltest du für den Augenblick zurückkommen. Ich brauche dich in Berlin. Auf dem Weg hierher kannst du über deine nächsten Schritte bezüglich Fräulein von Niebuhr nachdenken. Auf einen Tag mehr oder weniger wird es kaum ankommen, nicht wahr?“

Der Anrufer schwieg. Schließlich antwortete er: „Wenn das Ihr Wunsch ist, dann sei es so. Die Rückreise nach Berlin war ohnehin für morgen geplant.“

„Gut! Dann sehen wir uns also morgen. Gute Nacht, Bruder Termite.“

„Gute Nacht, Großmeister.“

Der alte Mann beendete das Gespräch und lehnte sich zurück. Sorgenfalten hatten sich auf seiner Stirn gebildet. Es war definitiv nicht gut, dass Bruder Termite versagt hatte. Nicht nur, dass er so etwas von seinem bisher zuverlässigsten Mann nicht gewohnt war, nein, nun galt es auch, eine weitere Front offen und im Auge zu behalten. Und an je mehr Fronten man kämpfte, desto weniger konnte man seine Kräfte bündeln und umso höher lag das Risiko eines Scheiterns. Der alte Sun-Tsu hatte in der „Kunst des Krieges“ geschrieben: „Der General, der den Krieg verliert, hat zuvor wenig Kalkulationen angestellt, wie er sich gegen den Gegner zur Wehr setzt. So führen viele Kalkulationen zum Sieg und wenige Berechnungen zur Niederlage.“

Ja, er würde noch einige Kalkulationen mehr anstellen müssen!


5

 

München, August 2011

 

Heute war Freitag, sein Entlassungstag. Sagte der behandelnde Arzt. Das Schlimmste sei überstanden. Sagte der behandelnde Arzt. Ob der überhaupt wusste, was das „Schlimmste“ war? Dieses Krankenhaus ganz bestimmt nicht! Die Schwestern waren reizend, das Essen okay und er hatte seine Ruhe. Niemand wollte etwas von ihm, niemand provozierte ihn, weil er das geliehene Geld von letzter Woche oder von vorletztem Monat immer noch nicht zurückgezahlt hatte.

Elias Zunge klebte am Gaumen. Das Einzige, was er vermisste, war ein wenig Bier. Und seine Kumpels. Und gute Musik. AC/DC, zum Beispiel. Es musste ja von allem gar nicht viel sein. Eine Flasche Edelstoff würde ihm im Augenblick schon vollkommen genügen. In der Cafeteria konnte man sich eigentlich Bier kaufen, aber Elias hatte kein Geld bei sich.

An das Ereignis, dem er seine Anwesenheit in diesem Institut verdankte, hatte er nicht übermäßig viele Erinnerungen. Er habe eine Commotio. Sagte der behandelnde Arzt. Dank seiner sechs Semester Medizinstudium an der Charité in Berlin wusste er, was eine Commotio war: eine mittelschwere Form der Gehirnerschütterung, bei der es zu Bewusstlosigkeit, Übelkeit, partiellem Gedächtnisverlust und einigen anderen schönen Symptomen kommen konnte. Leider hatte dieses Wissen seinerzeit nicht gereicht, um das vorklinische Studium erfolgreich mit dem Physikum abzuschließen. Man musste viel auswendig lernen im Fach Medizin und so etwas lag ihm überhaupt nicht. Genau genommen lag ihm jegliches Lernen und Studieren überhaupt nicht. Elias hatte ständig Hummeln im Hintern, er musste raus an die frische Luft, sich in Feste und Abenteuer stürzen. Zuhause im staubigen Mief ruhig still sitzen und trockene Theorie in sich hineinschaufeln, das war sein Ding nicht. Naa! Wirklich wichtig war das Leben selbst, das Miteinander der Menschen.

Er zog langsam seine Hose an. Ruckartige Bewegungen führten zu leichtem Unwohlsein, aber – wie hatte der Arzt gesagt? – das Schlimmste war überstanden. Er tastete seine Hosentaschen ab, dann seine Hemdtaschen auf der Suche nach seinem Handy. Schließlich erinnerte er sich, dass sein Handy verschollen war. Schon wieder. Dies war bereits das Dritte, dessen er allein in diesem Jahr verlustig gegangen war. Ohne Kommunikationsmöglichkeit war er nichts. Das Abenteuer, das Leben wartete da draußen an jeder Straßenecke, aber es kam nur in den seltensten Fällen direkt zu ihm. Er musste dorthin, wo etwas los war und wo das war, konnte er überwiegend per Mobiltelefon erfahren. Elias war notfalls bereit, auf eine Zahnbürste zu verzichten, auf eine Unterhose oder, wenn es unbedingt sein musste, auch mal auf sein Bier. Aber keinesfalls auf die Möglichkeit, jederzeit eine ihm wichtige Person anrufen zu können.

Ein Klopfen an der Tür weckte ihn aus seinen Tagträumen.

„Herr Manco Quispe?“, fragte ein Mann, den Elias noch nie zuvor gesehen hatte. Irgendwie wirkte der Typ deplatziert, denn sein Äußeres wirkte, obwohl sauber, dennoch auf eine merkwürdige Weise schmuddelig. Sein graugelbes Haar fiel in glatten Strähnen gleichmäßig auf allen Seiten nach unten, ohne sich auch nur die geringste Mühe zu geben, die Form von etwas anzunehmen, das man guten Gewissens als Frisur hätte bezeichnen können. Hinter der Hornbrille versteckten sich wässrig-trübe Äuglein, die einen krassen Kontrast zu der Hightech-Kamera bildeten, die vor einem Bauch baumelte, dessen Wölbung das einzig Beachtliche an der Erscheinung dieses Mannes bildete. Ein mächtiger Schnauzbart, der gegen die fleischige Nase um die optische Vorherrschaft im Gesicht ankämpfte, erinnerte Elias frappant an den Spot eines Fernsehsenders, dessen Maskottchen ein Walross war. Die braunen Halbschuhe hatten schon bessere Tage gesehen: Von einem begann sich die Sohle abzulösen.

„Jaaa …“, antwortete Elias behäbig. Er hatte ein gesundes Misstrauen entwickelt vor Leuten, die etwas von ihm wollten. Allzu viele gaben vor, nur sein „Bestes“ zu wollen und meistens logen diese Leute nicht einmal, denn sie hatten es in der Regel auf den Inhalt seiner ohnehin schmalen Geldbörse abgesehen.

„Ähm, mein Name ist Hardy Sell. Ich bin freier Journalist, Texte, Fotos, Reportagen. Ich schreibe unter anderem für den Stern und wollte Sie fragen, ob Sie mir ein wenig über diesen Vorfall in der Clemensstraße vor drei Tagen erzählen könnten.“

„Ich weiß nicht …“

„Ähm, ich kann Ihnen leider kein Geld anbieten …“

„Ey, sehe ich etwa aus, wie jemand, der Ihre paar Kröten braucht? Ich hab eh keine Zeit, weil ich jetzt entlassen werden soll. Außerdem kann ich mich kaum an etwas erinnern. Sie wissen schon, Commotio!“

Sell wusste natürlich nicht. Er hatte bei der Polizei lediglich erfahren, dass einer derjenigen, die die Vergewaltigung vereitelt hatten, vermutlich eine Gehirnerschütterung davongetragen hatte.

„Und drittens habe ich der Polizei schon alles gesagt, was ich weiß. Entschuldigen Sie mich bitte!“

Elias wollte sich an dem Journalisten vorbeidrängen, doch der hielt ihn sanft am Arm fest. „Keine Sorge, Herr Manco Quispe, ich beiße nicht. Sie und ich, wir unterhalten uns ein wenig bei einem kühlen Glas Bier und dann sind Sie mich wieder los.“

„Ein Bierchen?“ Elias wurde hellhörig. „Wer zahlt?“

„Ich natürlich. Ähm, gehen wir in die Cafeteria? Da wäre es um diese Zeit noch schön ruhig.“

„Na gut. Wenn Sie drauf bestehen.“

 

Hardy Sell hatte noch kaum eine Antwort auf seine erste Frage erhalten, als Elias’  Flasche bereits 500 Gramm leichter geworden war. Doch hatte er sich sicherheitshalber schon mal eine zweite mitgenommen, für den Fall, dass das Interview länger dauern würde als, sagen wir mal, fünf Minuten.

„Also Sie sind einfach so da hineingestürmt? Sie haben keine Angst gehabt? Ich meine, die Kerle konnten doch bewaffnet sein. Nach allem, was ich gehört habe, hatte einer der Drei ein illegales Springmesser bei sich.“

Elias zuckte mit den Achseln. „Da war offensichtlich jemand in Not. Eine Frau. In so einem Fall muss man doch helfen, oder etwa nicht?“

„Ähm, ja, klar, eigentlich schon. Aber Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen sich in so einer Situation einfach umdrehen und weitergehen, als wenn nichts gewesen wäre. Ich finde das schon bemerkenswert.“

Der Journalist kritzelte einige rasche Worte in seinen Notizblock, obwohl er das Gespräch nebenbei mit einem Diktiergerät aufzeichnete.

„Und was können Sie mir über diese Frau sagen?“

„Ja, die ist ganz nett. Gestern war sie hier, um mich zu besuchen und sich für meine Hilfe zu bedanken. Sie hat fast geweint, als …“

„Nein, ich meine die andere Frau, die schwarze, die, die in den Nachrichten als das ‚Phantom der Nacht‘ bezeichnet wird.“

„Wie bitte? ‚Phantom der Nacht‘?“

„Aber ja. Haben Sie denn nicht ferngesehen oder Radio gehört? Keine Zeitung gelesen?“

„Hier im Krankenhaus? Haben Sie eine Ahnung, was Fernsehen kostet? Die verlangen drei Euro pro Tag.“

„Oh. Verstehe. Also, die Polizei geht davon aus, dass eine Frau zwei der mutmaßlichen Vergewaltiger überwältigt hat, wobei einer im Zuge des Kampfes abhauen konnte. Dass es eine Frau war, weiß man, weil sie mit dem Opfer gesprochen hat. Man hat ihn am nächsten Tag aufgrund der Aussage der anderen beiden Täter aber doch noch in Gewahrsam nehmen können. Einen der Drei haben Sie kaltgestellt, wie ich gehört habe. Wie haben Sie das übrigens angestellt?“

„Wenn ich ehrlich bin …“, antwortete Elias wahrheitsgemäß, „… habe ich daran nicht mehr die geringste Erinnerung. Ich weiß es nicht. Wirklich. Ich kann mich nur erinnern an … hmm … ich bin halb auf dem Boden gelegen und halb auf diesem Kerl. Da war dieser schwarze Blitz, ich meine, es ging alles so unglaublich schnell, ich habe kaum etwas erkennen können.“

Hastig griff Elias zu seiner zweiten Flasche, um die Erinnerung herunterzuspülen. „Er, ich meine sie, die schwarze Frau, ist aus dem Nichts gekommen. Plötzlich war sie da. Dann ist alles ganz schnell gegangen, so schnell, dass ich gar nichts richtig mitbekommen habe. Ich weiß auch nicht …“

„Hat sie mit Ihnen gesprochen? Hat sie irgendetwas zu Ihnen gesagt?“

„Ja.“

„Ja? Und was? Mein Gott, lassen Sie sich doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!“

„Weiß nicht.“

„Sie wissen es nicht?“

„Ich habe doch gesagt, dass ich eine Commotio erlitten habe. Von dem Schlag auf den Kopf. Hombre, partielle Amnesie ist in so einem Fall nicht ungewöhnlich. Ich weiß es wirklich nicht mehr.“

„Wer hat Sie denn eigentlich auf den Kopf geschlagen?“

„Weiß ich auch nicht. Ich kann mich an fast gar nichts mehr erinnern, nur an … eine Berührung, sanft wie ein Seidentuch. Das müssen ihre Haare gewesen sein. Und an eine Stimme wie von einem Engel.“

„Aber Sie haben doch eben gesagt, dass Sie nicht wissen, ob sie mit Ihnen gesprochen hat. Hat sie nun oder hat sie nicht?“

„Ja. Das hab ich doch gesagt. Sie hat mit mir gesprochen. Aber ich kann mich nur an ihre Stimme erinnern, nicht an das, was sie gesagt hat.“

Enttäuscht klappte Sell sein Notizbüchlein zu und schaltete das Diktiergerät ab. Er hatte eigentlich vorgehabt, ein Foto von Elias zu machen – dessen Erlaubnis vorausgesetzt – aber nun hatte er es sich anders überlegt. Das hier war kein Stoff für eine Story, für die eine der Münchner Tageszeitungen oder gar ein überregionales Blatt echtes Geld hinblättern würde. Dabei hatte er sich das Ganze so schön ausgemalt: Mithilfe des Mannes, der die Vergewaltigung mit verhindert hatte, würde er, Hardy Sell, dem „Phantom der Nacht“ auf die Spur kommen. Das wäre die Story des Jahres gewesen. Eine junge hübsche Frau als der Engel von München. Die ihm vielleicht sogar ein Exklusivinterview gewähren würde. Mit derartigem Material in der Hand hätte er möglicherweise den ersehnten Schritt in die Festanstellung schaffen können, von den finanziellen Nebeneffekten, die er dringend gebrauchen konnte, einmal ganz abgesehen.

Doch leider: Die vermeintlich heiße Spur hatte sich als Blindgänger erwiesen, mal wieder. Noch nicht einmal sein Alternativplan würde funktionieren. Für den Fall, dass er keine weiteren Hinweise auf das „Phantom“ bekommen würde, hätte er stattdessen ein Portrait des zweiten unerschrockenen Retters in der Not schreiben können. Aber wer interessierte sich schon für die Geschichte eines abgehalfterten Alkoholikers, der vermutlich auch noch obdachlos war? Eben! Wenigstens waren die drei Flaschen Bier nicht so teuer gewesen, wie in einem der Münchner Biergärten. Und er würde den Betrag von der Steuer absetzen können, zumindest teilweise.

„Ähm, na gut“, sagte er leise. „Ich gebe Ihnen für alle Fälle meine Karte, Herr Manco Quispe. Falls die Erinnerung wiederkommt und Sie mir noch etwas mehr zu der Angelegenheit sagen können, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich anrufen könnten.“ Er holte eine schon leicht fleckige Visitenkarte aus der Brusttasche seines Hemds, legte sie vor Elias auf den Tisch und leerte seine eigene Flasche mit einem raschen Zug aus.

 

Zwanzig Minuten später stand Elias an einer Bushaltestelle, aber er hatte keine Fahrkarte. Er hatte streng genommen überhaupt nichts außer den Klamotten, die er am Leib trug. Der Geldbeutel war leer, das Handy weg … und er hatte keine Ahnung, in welchem Eck von München er sich gerade befand. Ein Gutes hatte die Sache ja: Auf die Weise würde er der Versuchung leichter widerstehen können, sich etwas zu trinken zu kaufen. Zuviel Alkohol wäre nicht gut, solange er noch an den Nachwirkungen der Gehirnerschütterung litt. Sagte der behandelnde Arzt.

Comments