Veröffentlichungen‎ > ‎Romane‎ > ‎Shifters‎ > ‎

Leseprobe Shifters

1 – A Beginning

Ein schrilles Pfeifen – ganz nah am linken Ohr vorbei. Verdammt, das war knapp! Mist, Mist, Mist! Wo sind nur die anderen alle hin? Wo ist der verdammte Hauptmann? Der hat sich längst in Sicherheit gebracht, jede Wette. Aber mich lässt man hier verrecken, mich, Frank Neufeld, das kleine mutterlose Würstchen, mit dem kann man es ja machen! Ist das eine amerikanische Flagge da vorne? Scheiße, sind die Kaugummis schon so nah? Halte die Stellung, hieß es, sichere den Abschnitt! Wenn die Normandie fällt, fällt das Vaterland. Und ich Idiot hab mich gefreut, als ich hierher versetzt worden bin. Während die Kameraden in Russland sich die Eier abfrieren, dürfen wir hier Urlaub am Strand machen. Im Schutze des Atlantikwalls! Toller Urlaub! Toller Schutz!

Eine weitere Kugel pfiff knapp über dem Helm des etwa 20-jährigen deutschen Soldaten hinweg, der ganz alleine in dem sandigen Schützengraben lag und kaum wagte, herauszublicken. Einige seiner Kameraden waren nach vorne zu einem Frontalangriff beordert worden … keiner von ihnen war zurückgekehrt. Die meisten anderen Soldaten seiner Einheit waren auf eine rückwärtigere Linie beordert worden. Ihm hatte man zusammen mit fünf Kameraden befohlen, diesen Abschnitt um jeden Preis zu halten. Um jeden Preis! Keinesfalls durfte die Infanterie des Feindes die höher gelegenen Bunker erreichen. Wenn die gegnerischen Truppen erst einmal nahe genug waren, um Handgranaten durch deren Spähschlitze zu werfen, war es vorbei.

Frank presste seine Arme an den Kopf, als einige Mörsergranaten in der Nähe mit höllischem Lärm explodierten. Als er sich kurz darauf umsah, waren die fünf anderen urplötzlich verschwunden – spurlos. Somit war Frank alleine, verdammt alleine! Nie zuvor hatte er sich so einsam gefühlt und nie zuvor so viel unsägliche Angst verspürt. Sie hatte ihm richtiggehend die Kehle zugeschnürt, sodass er kaum zu atmen vermochte. Dabei war es so wichtig, in solchen Situationen tief durchatmen zu können - so wie man es ihm beigebracht hatte. Er vergegenwärtigte sich, dass es ruhmreiche Ehre bedeutete, im Felde für Partei und Vaterland sein Leben zu lassen und Schande, sich kampflos dem Feind auszuliefern – ebenfalls so, wie man es ihm beigebracht hatte. Fieberhaft suchte Franks Gehirn nach einem Ausweg. Sein Posten befand sich – Glück im Unglück – am äußersten linken Rand der Invasionslinie der alliierten Truppen, deren Hauptangriffswelle einige Kilometer weiter westlich an den Strand brandete. So weit, so gut. Dies bedeutete nämlich, dass er sich nicht im Zentrum des Geschehens befand. Dennoch hatte der Feind offenbar einige Leute abgestellt, um ihre linke Flanke gegen einen Angriff abzusichern und diese Leute schossen auf alles, was sich in ihrem Sichtfeld bewegte, und damit war unter anderem … er, Frank Neufeld, gemeint. Er wagte es, kurz über den Rand des Schützengrabens zu spähen, als eine weitere Kugel haarscharf vorüber pfiff. Verdammt, die haben irgendwo einen Scharfschützen da draußen, der mich im Visier hat! Was macht man gleich wieder bei Scharfschützenbeschuss? Immer in Bewegung bleiben, schnell, unberechenbare Bewegungen, zickzack rennen! Ich muss mich zurückziehen! Hier komme ich ja doch zu keinem einzigen Schuss. Taktischer Rückzug, nicht Feigheit vor dem Feind! Ich jag denen ein paar Handgranaten zwischen die Beine. Während die in Deckung gehen müssen, renne ich, was das Zeug hält. Immer im Zickzack! Aber schnell! So, zwei Granaten habe ich noch! Gutes, altes Modell 24! Aufschrauben, schnell, Mann die Amis kommen wirklich rasch näher! So, jetzt die Sprengkapsel rein … eins … zwei … zuschrauben … fertig! Schutzkappe vom Stiel entfernen, Abreißknopf abziehen und weg damit! Nun die zweite, andere Richtung! Und los! Renn, Frank, renn!

Frank lief geduckt ein klein wenig nach rechts den Schützengraben entlang und hechtete schließlich nach rechts über die Böschung nach draußen. Hundert Meter! Es waren nur einhundert verdammte Meter! Dort, hinter den Bunkern würde er Deckung finden. Vor dort aus würde er sein Sturmgewehr endlich richtig zum Einsatz bringen können. Irgendwie fühlte sich all das nicht real an. Die vielen grauen Kriegsschiffe vor der Küste mit ihren zeppelinförmigen Flugabwehrballons, die eckigen Landungsboote der Alliierten überall, die Explosionen, die Schüsse, die vorbeipfeifenden Kugeln, nichts davon nahm Frank wahr, lediglich das Rauschen des Blutes im eigenen Körper und das laute Pochen des Herzens. Wie in Zeitlupe bohrten sich Geschosse in die Sanddünen um ihn herum, viel zu langsam erschienen ihm seine sporadischen Richtungswechsel. Der Weg zu den Bunkern schien kein Ende zu nehmen. Frank folgte, wo immer möglich, den flachen Dünentälern. So war weniger von seinem Körper exponiert und er bot ein kleineres Ziel. Nach rechts! Links! Noch fünfzig Meter! Eine breite Düne voraus. Hechtsprung drüber hinweg! Geschafft! Hoch mit dir, weiter, weiter! Nur nicht zurückblicken! Nur nicht aufgeben! Noch dreißig Meter, zwanzig, fast geschafft, fast da! Mann, was macht der Typ da! Aus dem Weg, Mann, hier wird geschossen! Totenkopf-SS? Was will der denn hier? Die sind doch sonst nicht dort, wo es kritisch wird. Moment mal, was soll das, der richtet seinen Revolver auf mich. Spinnt der? Hinter mir ist der Feind!

Der Schuss, der sich aus der Pistole des schwarz uniformierten SS-Offiziers löste, war der erste seit Beginn seines Sprints, den Frank in voller Lautstärke vernahm. Gleichzeitig erhielt er einen kräftigen Schlag in den Magen, aber … da war niemand, der ihn hätte schlagen können. Erst nach unendlich lang erscheinenden Sekunden begriff Frank. Der SS-Mann hatte auf ihn geschossen. Er hatte ihm tatsächlich in den Bauch geschossen. Warum?

Der Offizier mit den eisblauen Augen grinste süffisant als er nähertrat. Frank verließ die Kraft, seine Knie wackelten und, obwohl er dagegen ankämpfte, brach er zusammen. Er sah nur noch die blank gewichsten Stiefel des Mannes, der auf ihn geschossen hatte.

„Hier wird nicht desertiert, du feige Sau! Du hast bekommen, was du verdient hast.“

Frank blickte nach oben. Er wollte dem Offizier erklären, dass er mitnichten die Absicht gehabt hätte, zu desertieren, aber sein Mund füllte sich mit Blut. Es schmeckte nach Rost und nach … Tod. Er konnte nicht sprechen. Aber sehen konnte er noch und was er sah, verschaffte ihm irgendwie Genugtuung. Eine Kugel hatte dem SS-Mann unvermittelt den Hals zerfetzt. Dessen Hände fuhren nach oben, aber schon im nächsten Augenblick brach er zusammen und blieb tot neben Frank liegen. Das hättest du nicht gedacht, du Drecksau, dass du noch eher krepierst als ich, was?

Nun setzte der Schmerz ein. Frank hatte kaum noch Kraft, aber immerhin genug, um sich zusammenzukrümmen und beide Hände auf den Bauch zu pressen. Scharfe Befehle erklangen ganz aus der Nähe und sie waren nicht auf Deutsch gesprochen worden. Frank konnte sie nicht verstehen, denn er hatte kaum Zeit damit verschwendet, unnützerweise andere Sprachen zu lernen. Wozu auch, wenn das Deutsche Reich sich bald über den halben Erdball erstrecken würde? Nur ein paar Brocken Russisch konnte er. Oh Mann, warum tut das so verdammt weh? Gott, das ist ein Ami, der sich über mich beugt. Was will der denn von mir? Lass mich doch einfach in Ruhe, Mann! Oh Gott, das tut so weh! Frank schrie herzzerreißend. Der GI rief seinen Kameraden etwas zu, dann hob er Franks Kopf an und blickte ihm direkt in die Augen. Oh Gott, was willst du von mir? Ich bin doch schon erledigt. Meine Güte, der Typ ist nicht älter als ich selbst!

Frank blickte in die Augen des Amerikaners. Besser, ein Feind hier bei mir, als ganz alleine verrecken, oder? Der Schmerz ließ langsam nach, wurde ersetzt durch ein Gefühl der Kälte, das sich, ausgehend vom Bauchnabel, langsam aber unerbittlich von innen nach außen durch den ganzen Körper ausbreitete. Steve Pennyman stand auf dem Namensschild über der Brust des jungen GIs. Frank schweißgebadetes Gesicht blickte wieder nach oben, ließ seinen Kopf in die Hand des Gegners sinken. Mann, dein Kinn ist ja völlig glatt … entweder habt ihr verdammt gute Rasierklingen dort, wo du herkommst, oder du bist einfach noch zu jung für Bartwuchs. Und diese Augen, die sind genau wie meine, himmelblau. Du könntest eigentlich ein Deutscher sein. Warum kämpfen wir bloß gegeneinander, wo wir doch genauso gut ein Bier miteinander trinken könnten? Mein Gott, wie ich wünschte, ich wäre du! Es ist soweit, der Tod, er kommt! Ich möchte so gerne du sein, du, Du, DU!

Frank riss seine Augen auf, versenkte sich in denen des jungen Mannes gegenüber und schrie auf. Eine Sekunde später schrie auch der andere. Frank schrie, denn ein heftiger Schwindel erfasste ihn. Dunkelheit und verwaschene Farben wechselten einander ab, dann wieder Schwindel, als ob er kreiselnd in einen tiefen Abgrund stürzen würde. In einem Blitz zuckten tausende von Eindrücken und Erinnerungen aus seinem bisherigen Leben an ihm vorbei. Plötzlich wurde die Sicht wieder klarer und Frank blickte überrascht sein Gegenüber an. Das sah genauso aus wie er. Dasselbe Gesicht! Dieselbe Uniform! Dieselbe Schusswunde im Bauch! Moment mal, er selbst hatte gar keine Schusswunde. Alles an ihm war heil, in bester Ordnung. Keine Schmerzen! Er trug eine andere Uniform, aber er war in Ordnung. Abgekämpft, ein wenig schlapp, aber durchaus in Ordnung. Während der Mann, dessen Kopf er in der Hand hielt, und der aussah wie Frank, der Frank war, ihn voll ungläubigen Entsetzens anstarrte, noch lauter schrie und schließlich abrupt verstummte. Glasig starrten seine Augen ins Leere. Frank ließ den Kopf des anderen Frank fallen und stand am ganzen Leib zitternd auf. Was, um alles in der Welt, war hier soeben nur geschehen? Dort lag er, tot auf dem Boden und hier stand er und erfreute sich bester Gesundheit. Er wollte irgendetwas sagen, aber stammelte nur unverständliches Zeug. Die Zunge wollte ihm nicht gehorchen. Amerikanische Soldaten umringten ihn, klopften ihm auf die Schultern und redeten auf ihn ein. Doch Frank verstand nichts von dem, was sie sagten … er verstand gar nichts mehr! Das durfte doch alles nicht wahr sein! Unvermittelt rebellierte sein Magen und er musste sich übergeben. Während rundherum neue Maschinengewehrsalven losknatterten und die Soldaten ringsherum Deckung suchten, konnte Frank nicht anders, als alles Elend dieser Welt aus sich herauszukotzen. Krampfartig bahnte sich eine Ladung nach der anderen unerbittlich ihren Weg nach draußen. Schließlich, nach endlosen Minuten, befand sich nichts mehr in seinem Inneren. Die Krämpfe hielten dennoch eine Weile an, bevor auch sie mit einem Mal ein Ende fanden. Frank sah hoch. Der Sand, die Bunker, die Grasbüschel, der tote Frank und der SS-Offizier – alles begann, sich zu drehen. Frank versuchte, sich festzuhalten, aber ohne Erfolg. Die Kraft der Drehung ergriff ihn, riss ihn mit sich und er brach bewusstlos zusammen.


2 – Birthday

We're gonna have a good time

I'm glad it's your birthday

Mit einem Ruck schreckte Steve hoch. Schon wieder dieser Traum! Seit sechzig Jahren, regelmäßig mindestens einmal im Monat, manchmal sogar häufiger, suchte dieser Albtraum ihn heim. Steve richtete sich mühsam im Bett auf. Ach, wenn es nur ein Traum gewesen wäre! Aber es war kein Traum, es war nie nur ein solcher gewesen. Es war wirklich passiert, damals im großen Weltkrieg, der später als der Zweite in die Geschichtsbücher eingehen sollte, in den Männer als Helden hineinmarschierten, um als seelische Wracks wieder herauszutorkeln – wenn überhaupt! Steve Pennyman drehte sich nach rechts. Das Bett neben ihm war leer. Wie immer seit nunmehr fünf Jahren. Aber dennoch blickte er jeden Morgen auf das Bett neben ihm, in der Hoffnung, dass sie eines Tages darin liegen würde, so als ob nichts geschehen wäre, so … als ob seine liebe Heather nie gestorben wäre. Immerhin, der Tod war ein trügerischer Gesell, dem man nicht über den Weg trauen durfte. Steve hatte es selbst erlebt, damals, als er noch Frank geheißen hatte. Er – tödlich verwundet – hatte überlebt, während ein anderer – kerngesund und putzmunter – plötzlich ausgelöscht worden war, in seinem, Franks Körper. Wie viele Jahre hatte er dieses traumatischen Erlebnisses wegen in psychiatrischer Behandlung verbracht? Wie viele Jahre war er das begehrte Studienobjekt zahlloser sogenannter Koryphäen gewesen? Wie lange Zeit hatte man ihm eingeredet, dass all dies nur eine Bewusstseinsspaltung war, ausgelöst durch den Schock aufgrund des unmittelbaren Erlebnisses des Todes in allernächster Nähe. Irgendwann war er versucht gewesen, den Unsinn zu glauben, den die Ärzte ihm nahezubringen versucht hatten und irgendwann hatte er sogar begriffen, dass es nur einen Weg gab, aus diesem – im wahrsten Sinne des Wortes – Irrenhaus auszubrechen: Er musste den Ärzten das sagen, was sie hören wollten. Er hatte ihnen erzählen müssen, dass er Steve Pennyman war und nicht dieser ominöse Frank Neufeld. Doch im Inneren wusste er, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Wenn die Ärzte recht gehabt hätten, dann hätte es eine Erklärung dafür geben müssen, warum Steve Pennyman nach diesem Ereignis nur noch deutsch gesprochen hatte, obwohl der ursprüngliche Steve nach Aussagen seiner Familie und seiner Kameraden außer „Sauerkraut“ und „Hände hoch“ zuvor kein einziges deutsches Wort gekannt hatte. Wo war die Erklärung dafür, dass der gebürtige US-Amerikaner aus Oakley, Kansas, Sohn eines Farmers, nach diesem Ereignis kein einziges Wort Englisch mehr verstand, geschweige denn, sprach? Einen Gedächtnisverlust konnte man vielleicht ja gerade noch so mit traumatischem Schock und Verdrängung erklären, aber nicht die Herkunft einer kompletten Erinnerung an die deutsche Schule, an eine Kindheit samt Aktivitäten in der Hitlerjugend oder sämtliche Namen der deutschen Reichsminister und –Marschalle. Und wie sollte man sich erklären, dass ihm die US-amerikanische Militärausrüstung völlig fremd gewesen war, während er ein deutsches 44er Sturmgewehr in vier Minuten auseinandernehmen und wieder komplett zusammenbauen konnte?

Steve schüttelte den Kopf. Für einige der Leute, die sich selbst als Wissenschaftler bezeichneten, konnte einfach nicht existieren, was nicht existieren durfte. Doch Schluss mit solchen Gedanken. Es war Zeit für das Frühstück! Er stand etwas mühsam auf, schlüpfte in seine Pantoffeln und machte nach alter Gewohnheit erst einmal ein paar Kniebeugen. Für seine 79 Jahre war er noch relativ fit. 79? Träum weiter, Steve! Verdammt, heute ist der 7. Mai. Mein 80. Geburtstag! Steves 80. Geburtstag.

Frank Neufeld dagegen hatte noch ein paar Monate, bis er die achtzig überschreiten würde. Aber hier, in diesem Leben war er Steve, also würden sein Sohn und seine Nachbarn heute vorbeikommen, pappsüße Kuchen aus dem Supermarkt oder – schlimmer – selbst zusammengekleisterte Torten mit knallbunten Marzipan-Bildchen oben drauf mitbringen, peinliche Lobeshymnen auf sein Leben, seine Agilität und seinen liebenswerten deutschen Akzent loswerden und Anekdoten zum Besten geben, die ihm teils lustige, teils schmerzliche Erinnerungen bringen würden.

Steve schlurfte gemächlich ins Badezimmer und griff mechanisch nach seinen Dritten Zähnen, die in einem mit Wasser und Gebissreiniger gefüllten Glas auf dem Waschbeckenrand ruhten. Er wusch sie ab, steckte sie sich umständlich in den Mund und betrachtete sein Gesicht im Badspiegel. Wer war der Mann, dessen wässrige, himmelblaue Augen ihm da entgegenblickten? War das wirklich er, vom Alter gezeichnet, dessen Zeit sich unnachgiebig dem Ende zuneigte, während sein Geist sich noch um mindestens zwanzig Jahre jünger fühlte? Mit der Hand fuhr er sich durch das nun schüttere, schlohweiße, ehemals dichte, blonde Haar und seufzte. Er setzte sich auf die Toilette und stütze das Gesicht auf seine Hände. Der achtzigste Geburtstag! Jede Wette, sie würden nicht einmal bemerken, dass er, das Geburtstagskind, sich über all den Trubel am allerwenigsten amüsieren konnte. Aber er würde gute Miene zum bösen Spiel machen, denn es waren alles liebenswerte, nette Menschen, mit kleinen Schrullen und Verrücktheiten zwar, aber nichtsdestotrotz liebenswerte Menschen, denen man eine solche Freude gönnen musste. Und es könnte schlimmer sein. Viel schlimmer! Viele seiner Freunde waren in diesem Alter sabbernde Pflegefälle geworden, wenn sie überhaupt noch lebten. Er dagegen hatte einen Körper, dem Krankheitserreger bisher wenig anzuhaben vermocht hatten und der – dank ausgiebiger sportlicher Betätigung – noch so fit war, dass er alle Verrichtungen des täglichen Lebens ohne fremde Hilfe erledigen konnte. Gut, er tat sich schwer damit, im Supermarkt die Preise zu lesen und auch diverse Gelenke protestierten, wenn er sie über Gebühr strapazierte, sprich, sie so in Anspruch nahm, wie er es früher gewohnt gewesen war. Er schlief wenig und grübelte viel, aber alles in allem freute er sich des Lebens. Und er lag niemandem auf der Tasche. Gut, er war nicht reich, aber das Geld, das er in seiner beruflichen Laufbahn als Professor für europäische Geschichte der Neuzeit verdient hatte, bildete ein ausreichendes Polster für noch ein paar weitere Jährchen. Dennoch … sollte das schon alles gewesen sein? Sollte er wirklich nichts anderes mehr mit seinem Leben anfangen, als tagaus, tagein die Zeit in diesem Häuschen damit zu verbringen, Kreuzworträtsel zu lösen, Patiencen zu legen und auf den Tod zu warten? Der Gedanke war nicht neu, aber immerhin interessant genug, um Steve das ganze Frühstück über beschäftigt zu halten.

Am späten Vormittag betrat er seine geräumige Garage. Das einzige, was dort drinnen glänzte, war sein drei Jahre alter, weinroter Chevrolet Venture LT, den er einmal pro Woche zum Einkaufen benutzte. Die Werkbänke und Werkzeuge an der Wand dagegen waren von einer dicken Staubschicht eingehüllt. Und noch etwas stand eingehüllt herum, wenn auch nicht in Staub, sondern in ein großes, weißes Laken, und das schon seit über 15 Jahren. Sein Sohn George hatte ihm angeboten, das Ding über EBay zu verkaufen. 20.000 $ würde es noch bringen, hatte er damals gesagt, mindestens! Aber Steve war nicht einverstanden gewesen … vielleicht konnte er es ja noch gebrauchen! Aber hatte er es seither verwendet? Nicht ein einziges Mal! Er drückte sich an dem Minivan vorbei und riss das Laken weg. Eine Schönheit! Und welche Erinnerungen daran hingen! Eine Harley-Davidson Duo Glide aus dem Jahr 1964 im Originalzustand. Naja, beinahe im Originalzustand. Den ursprünglichen Sitz hatte er irgendwann mal durch eine kurze, weiße Sitzbank ersetzt und die Elektrik auf 12 Volt umrüsten lassen. Immerhin, das Maschinchen machte über 90 Meilen pro Stunde, jedenfalls bei Rückenwind. Und schneller durfte man in den USA ohnehin fast nirgendwo fahren. Steve atmete tief durch. Schade, heute war er zu alt für so eine Reise … Moment mal, wer definierte eigentlich, ab wann man zu alt war für so etwas? Warum eigentlich nicht?

Weil du alter Trottel das Ding gar nicht mehr reparieren kannst, falls etwas daran kaputt geht!

Na und? Gibt doch Werkstätten an jeder Straßenecke! Was genau brauchst du eigentlich? Ein bisschen Geld für Essen und Unterkunft unterwegs, ein paar Klamotten zum Wechseln, eine Landkarte, eine gute Flasche französischen Rotweins für die Sonnenuntergänge und eine Fotokamera … Quatsch, vergiss die Kamera! Wer interessiert sich schon für die Bilder eines 80-jährigen Bikers?

Ob Roy sich die Maschine mal ansehen würde? Ich ruf ihn gleich mal an!

 

***

 

Der Sohn der Nachbarsfamilie, der kleine Terry Roth, hatte das Amt des DJs übernommen. Herrje! Steve liebte Glenn Miller, Tommy Dorsey, die Andrew Sisters, Benny Goodman und – seitdem der große Dirigent und Komponist Leonard Bernstein sie durch seinen Schubert-Vergleich geadelt hatte – sogar die Beatles. Aber was wurde zur Feier seines 80. Geburtstages gespielt? Eminem! O my god! Und das in einer Lautstärke als ob er bereits taub wäre. Steve lächelte, klopfte dem Jungen nachsichtig auf die Schulter und versuchte sich linkisch an ein paar Rap-Moves, worüber die ganze Geburtstags-Gesellschaft herzlich lachte. Er schüttelte noch ein paar Hände, ließ sich auf allerlei Small Talk ein und schlurfte schließlich bedächtig zu dem kleinen Podest, auf dem man ein Mikrofon installiert hatte. Er klopfte auf die Windkapsel – nichts! Sofort stürmte George, sein extra aus Kalifornien angereister Sohn, herbei und drückte am Mikro einen kleinen Schalter nach oben, mit dem Erfolg, dass es nun schrill zu pfeifen und zu quietschen begann. Als die Rückkopplungs-Geräusch-Kulisse schließlich wieder verstummt war, sprach Steve in das Mikrofon: „Liebe amerikanische Landsleute, ich freue mich, Ihnen sagen zu können, dass ich ein Gesetz unterzeichnet habe, das Russland für immer für vogelfrei erklärt. Wir beginnen in fünf Minuten mit der Bombardierung … Was machen Sie denn für betroffene Gesichter, ich dachte, das wären seit 1984 die offiziellen Worte für Mikrofon-Tests. Ja, ich gestehe, dass ich das damals als ebenso wenig lustig empfunden habe, wie Sie heute. Ach egal! Wisst ihr, ich habe in meinem Leben so viel geplappert, dass ich manchmal gar nicht weiß, wann ich aufhören sollte. Aber ich will mich nicht beklagen. Wer hat schon so viel Glück im Leben wie ich es gehabt habe?“

Freundlicher Beifall. Die Musik war zwischenzeitlich verstummt. Steve blickt verschmitzt in die Runde und fuhr schließlich fort: „Zunächst einmal herzlichen Dank für euer Kommen, für eure unschätzbare Gesellschaft, dafür, dass ihr sehr erfolgreich Interesse an einem alten Mann heuchelt und natürlich auch für all eure Geschenke.“

Höfliches Gelächter mit Beifall.

„Danke dir, Rosy, für die Kiste französischen Bordeaux, der mir sicherlich vortrefflich munden wird, danke dir, Samantha, für das herrliche Blumenarrangement, und dir, Joey, für die Kiste illegal importierter Havannas. Wenn das keine treffliche Gelegenheit ist, um mit dem Rauchen anzufangen!“

Lauteres Gelächter.

„Danke auch dir, George, für die DVD-Box mit bisher unveröffentlichtem Material zu Hitlers Machtergreifung, die ich mir sicher sofort ansehen werde, sobald du mir das passende Abspielgerät dafür besorgt hast.“

Mehr Gelächter.

„Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich nicht all eure Geschenke aufzähle, denn erstens: Man darf bei einer Geburtstagsrede über alles reden, nur nicht über zehn Minuten. Und zweitens: Mein Gedächtnis ist auch nicht mehr das, was es einmal war.“

Freundlicher Beifall.

„Vor etwa dreißig Jahren schenkte mir mein Sohn George hier – damals selbst noch ein Teenager - ein Buch, besser gesagt mehrere Bücher, die den Titel ‚Herr der Ringe‘ tragen. Ich habe es mit großem Vergnügen gelesen, weniger wegen der Zwerge, Elfen und Zauberer, sondern eher wegen der darin versteckten Allegorien auf die politischen und militärischen Ereignisse in Europa während des Zweiten Weltkrieges.“

„Hört, hört, der Herr Professor spricht!“, sagte ein Zwischenrufer lachend. Die Gesellschaft stimmte in das Gelächter ein.

„Wer so redet, hat vermutlich das Wort Allegorie nicht verstanden, nicht wahr, Richard?“, konterte Steve augenzwinkernd, was mit lauterem Lachen quittiert wurde.

„Aber was ich eigentlich sagen möchte, ist, dass es in dem Buch eine Szene gibt, die mich sehr beeindruckt hat und – ich verhehle es nicht – auch inspiriert. Ich spreche von der Szene, in der Bilbo seinen hundertelfzigsten Geburtstag feiert und auf dem Höhepunkt der Feier plötzlich … spurlos verschwindet.“

Neugieriges Schweigen. Steve konnte das Summen der Insekten in seinem Garten vernehmen.

„Nun, ich besitze keinen Ring, der mir dabei behilflich sein könnte, eine ähnliche Show abzuziehen, aber dafür habe ich das hier! Roy?“

Ein Motor röhrte laut auf und Sekunden später kam aus der Richtung der Garage ein etwa 50-jähriger, ölverschmierter Mann auf einer alten Harley-Davidson herangeknattert und blieb genau vor dem Podium stehen.

„Das hier ist Roy! Ich gebe seinen Kindern gelegentlich Nachhilfeunterricht und er schneidet mir dafür die Hecken. Aber heute hat er mir ein geradezu unglaubliches Geschenk gemacht: Er hat meine alte Maschine wieder startklar gemacht und sie sogar ein wenig aufgerüstet.“

„Ach was“, sagte Roy und vermied es, direkt in das Mikrofon zu sprechen. „Ich hab nur ein paar Teile geölt, ein paar Schrauben nachgezogen und einen elektrischen Starter eingebaut, damit du dich in deinem Alter nicht mehr mit dem Kickstarter herumquälen musst. Nicht der Rede wert.“

„Oh, ich danke dir so sehr, Roy, insbesondere für die Worte ‚in deinem Alter‘. Aber so ist das halt. Man wird einfach nicht jünger, auch wenn man das noch so sehr möchte. Und deshalb habe ich beschlossen, noch einmal auf Achse zu gehen. Noch heute werde ich nach Chicago aufbrechen und von dort aus der Route 66 bis nach Kalifornien folgen. Das erspart mir das Aufräumen hier nach der Feier.“

Schweigend und fassungslos sahen die Gäste Steve an. Plötzlich fing einer von ihnen, ein im Rollstuhl sitzender 73-jähriger Nachbar, an, laut zu applaudieren und mit krächzender Stimme zu rufen: „Jawohl, alter Junge, du machst genau das Richtige! Das ist der amerikanische Geist! Wenn ich könnte, würde ich sofort mitkommen.“ Nacheinander stimmten mehr und mehr Leute in den Applaus ein und schließlich johlten und schrien sie alle durcheinander. Steve hätte nicht für möglich gehalten, dass es so einfach werden würde, seine Reise gegenüber Freunden und Verwandten durchzusetzen.


3 – Across the Universe

Limitless undying love which

Shines around me like a million suns

It calls me on and on across the universe

Steve fühlte sich einfach nur sauwohl. Wie hatte er es nur so lange aushalten können ohne den Wind, der an seinem altertümlichen Helm zerrte und die faltige Haut seiner Wangen vibrieren ließ. Gut, vielleicht wäre die Euphorie etwas schwächer ausgefallen, wenn es geregnet hätte oder die Harley nicht so rund gelaufen wäre, wie sie es tat, aber alles war schlichtweg perfekt. Die ersten Etappen hatte er bereits hinter sich gelassen und nun näherte er sich Bloomington, Illinois. Es war bereits sein dritter Tag unterwegs. Am ersten war er lediglich von Athens, Ohio, wo er lebte, nach Columbus gefahren, wo er bei einem ehemaligen Studenten übernachtet hatte, mit dem er noch immer eine angeregte Korrespondenz führte. Das zweite Nachtquartier hatte er bei einer Freundin seiner verstorbenen Frau genommen, die ein kleines Häuschen am Lake Michigan ihr Eigen nannte. Eines seiner wenigen Gepäckstücke erwies sich somit als ausgesprochen nützlich: sein randvolles Adressbüchlein. Wie sehr freute er sich, dass er den Überzeugungsversuchen seines Sohnes, Adressen und Termine über ein Programm namens Outlook am Computer zu verwalten, nicht nachgegeben hatte. Das letzte, was er auf die Reise hätte mitnehmen wollen, war sein Computer.

Landschaftlich war der Trip bislang nicht übermäßig reizvoll, aber das würde sich ändern, wenn er den mittleren Westen erst einmal hinter sich gelassen hätte. Dafür hatte er viel Zeit zum nachdenken und die frische Luft schien seine Gehirnaktivität nachgerade anzuregen. Ein Thema, das seine Gedanken immer wieder anzog, wie süßer Duft Insekten, war seine Kindheit. Er wehrte sich gegen diese Gedanken, weil er nie so hatte werden wollen, wie viele der Alten, denen er begegnet war, die ständig nur von der guten alten Zeit sprachen – insbesondere, wenn sie damit die Zeit des Krieges meinten. Aber je weiter die Kindheit sich von ihm entfernte, desto klarer stand sie ihm vor Augen. Merkwürdig. Gedanken, für die er sich früher einfach keine Zeit genommen hatte, drängten nun mit Kraft zurück in seinen Kopf. Gedanken an seine Mutter zum Beispiel. Er hatte sie zuletzt gesehen, als er drei Jahre alt gewesen war – anno 1927, kurz vor Weihnachten. Sie war weggegangen und nie wieder zurückgekehrt. Der Grund für ihr Verschwunden lag bis heute völlig im Dunkeln. Oft hatte er sich gefragt, ob es seine Schuld gewesen war. Hatte es einen anderen Mann gegeben oder eine andere Familie, die ihr wichtiger gewesen waren? Oder war sie gar ermordet worden? Hatte sie womöglich versehentlich den Weg der braunen Horden der SA gekreuzt? Immerhin war sie Russin gewesen. Jedenfalls hatte sein Vater ihm das erzählt. Oder war sie vielleicht tatsächlich eine Spionin gewesen, wie sein Vater einmal in einem bitteren „Scherz“ vermutet hatte? Vielleicht hatte sie ihnen damit, dass sie gegangen war, auch das Leben gerettet. Wer weiß, was man mit ihr und der ganzen Familie gemacht hätte, als die NSDAP 1933 an die Macht gekommen war. Verhaftung, KZ? Möglicherweise, wenn man in ihr eine potenzielle Spionin für die Sowjetunion gesehen hätte. Vielleicht hatte sie die politische Entwicklung bereits kommen sehen und war geflohen, um die Familie nicht in Gefahr wegen ihrer Herkunft zu bringen. Ja, ein schöner Gedanke, aber doch eher unwahrscheinlich.

Von hinten schreckte lautes Hupen Steve aus seinen Gedanken. Eine Truppe Biker überholte langsam und winkte dabei zum Gruß. Er winkte zurück. Der vorderste der Gruppe, ein stämmiger, vollbärtiger Typ, deutete mit seiner linken Hand wiederholt von der Seite auf seinen Bauch. Steve grinste. Die Sprache der Jugendlichen mochte sich von Jahr zu Jahr verändern, aber die Zeichensprache der Biker blieb dieselbe wie eh und je. Der da wollte sich am nächsten Rastplatz mit ihm unterhalten. Na, warum eigentlich nicht? Auch die anderen Motorradfahrer brausten an ihm vorbei und waren bald außer Sichtweite.

Nördlich von Bloomington verließ Steve die Interstate 55, welche die alte Route 66 hier weitestgehend verdrängt hatte, und bog nach links in die Main Street ein. Ganz nah rechter Hand lag der Campus der Illinois State University, wo er sich mit einem ehemaligen Kollegen zu treffen gedachte. Aber er hatte noch mehr als zwei Stunden Zeit und er hatte Hunger. Von der Straße aus konnte er die Reklametafel von Uncle Tom’s Pancake House erkennen. Er musste dreimal rechts abbiegen, bevor er schließlich vor diesem Restaurant landete. Zu seiner großen Überraschung standen eine Menge schwerer Motorräder auf den Parkplätzen vor dem Pancake House. Er stieg ab, stellte den Motor ab und seine Duo Glide auf den Ständer, hängte den Helm auf den Spiegel und betrat in voller Leder-Montur die gemütliche, liebevoll dekorierte Gaststätte. Ein vielstimmiges Gejohle begrüßte ihn wie einen alten Freund.

„Na, was hab ich euch gesagt?“, brüllte der bärtige Dicke, den Steve sofort als den Anführer der Biker-Gang wiedererkannte. „Hab ich gesagt, dass er kommt oder hab ich’s nicht gesagt, he? Das nenn‘ ich Biker-Ehre!“ Dann sprang er von seinem Stuhl auf und zerquetschte Steve mit seinem festen Händedruck beinahe alle Finger. „Schön, dass du hierhergefunden hast. Ich bin Gregg und das sind Luke, Perry, Lisa, Freddy, Scott, Ginger, José und der farbige Gentleman heißt Steven.“

„Ah, genau wie ich. Steve Pennyman, es ist mir ein Vergnügen!“

Mindestens eine halbe Stunde lang ging das Gespräch über das Wohin und Woher und über die Motorräder draußen, wobei die 1964er Harley von Steve das besondere Interesse des Anführers fand.

„Und du bist wirklich ihr erster Besitzer?“, fragte Gregg gerade.

„Sicher! Ich habe mir das Gerät zu meinem 40. Geburtstag gegönnt. Damals hätte ich mir natürlich nicht träumen lassen, dass es einstmals wie ein Museumsstück bestaunt werden würde.“

„Genauso wie sein Besitzer. Solltest du deine Tage nicht längst im Altenheim verbringen, Opa?“, fragte der Jüngste der Truppe, der gerade einmal 20 Jahre als sein mochte.

„Scott musst du gar nicht ernst nehmen, das tut keiner hier“, wiegelte Gregg ab. „Scott, halt die Klappe, sonst rauscht’s!“

„Hey, das ist ein freies Land! Man wird doch wohl noch seine …“

Gregg war aufgesprungen und hielt drohend seinen Zeigefinger in die Luft. Scott verstummte sofort.

„Ganz was anderes, Steve. Wir fahren genau wie du die Route 66 bis nach L.A. Aber heute und morgen findet am Goose Lake, auf der anderen Seite von Chillicothe ein privates Bikertreffen statt. Komm doch mit! Billiges Bier, willige Frauen, und jede Menge Spaß! Es sind nur schlappe 50 Meilen dorthin.“

„Ich weiß deine Einladung wirklich zu schätzen, Gregg. Aber weißt du, in meinem Alter hat man es nicht mehr so mit Feiern oder mit … ‚willigen‘ Frauen. Außerdem erwartet mich hier ein früherer Kollege. Aber, so Gott will, werden wir uns sicherlich irgendwann demnächst wieder begegnen – on the road!“

„Darauf kannst du einen lassen, Steve! Wir sehen uns!“

Er sah die Gruppe tatsächlich wieder, drei Tage später, als ihm die Gluthitze des „Panhandle“ genannten Landstrichs kurz vor Amarillo, Texas, zu schaffen machte. Die Interstate 40, kurz I40, führte durch eine beige-braune Wüste, die früher als staked plains oder llano estacado berühmt oder vielmehr berüchtigt war. Die Gegend war vollständig flach und es gab – abgesehen von seltenen menschlichen Bauten – keinerlei Erhebungen, an denen das Auge sich festhalten oder der Verstand sich orientieren konnte. Daher hatte man vor über hundert Jahren für die Siedlertrecks und andere Reisende in regelmäßigen Abständen hohe Pflöcke in den Boden getrieben, die den Weg markiert hatten, was dieser Region schließlich den Namen „abgesteckte Ebenen“ eingebracht hatte. Eine trostlosere Aussicht als diese konnte man sich in der Tat kaum vorstellen.

Der Abend wurde gemeinsam verbracht. Der Besitzer eines Motels hatte der Gruppe ein Gelände in der Nähe der Unterkunft angeboten, auf dem sie grillen und ein offenes Feuer anzünden konnten. Steve hatte sich gerade eine Flasche Samuel Adams Black Lager-Bier geholt und setzte sich auf eine Bank, um dem Treiben der Gang zuzusehen. Lange, sehr lange hatte er sich nicht mehr so jung und vital gefühlt. Vielleicht sollte er mit dieser Reise einfach weitermachen, so lange, bis er eines Tages tot vom Sattel seiner Maschine fallen würde. Der Gedanke gefiel ihm irgendwie. Steve Pennyman, the lonesome cowboy.

Plötzlich baute sich ein Schatten vor ihm auf.

„Hey, Mann, was willst du eigentlich hier? Fühlst dich cool, Mann, was? Aber du gehörst nicht hierher. Das hier ist unsere Welt, die Welt der Jungen. Deine Zeit ist um, Opa, und je rascher du das schnallst, desto besser für alle.“

„Scott, verdammt! Das ist nun wirklich die allerletzte Warnung. Halt dein loses Maul oder du fährst morgen nach Osten statt nach Westen. Und jetzt wirst du dich entschuldigen!“ Gregg hatte ebenfalls eine Bierflasche in der Hand, als er nähertrat, und seine Augenbrauen schoben sich bedrohlich weit über die Nasenwurzel.

„Du kannst mich mal!“, giftete der schmächtige Junge mit dem fettigen langen Haar den Bärtigen an und trollte sich. Gregg setzte sich neben Steve und atmete tief durch. „War ein Fehler von mir, diesem Typen zu gestatten, sich uns anzuschließen. Tut mir leid, Mann, echt!“ Er hielt Steve die Bierflasche hin und Steve ließ die seinige dagegen klirren.

„Ach, Scott gehört gar nicht zu euch?“, fragte Steve neugierig, nachdem beide einen tiefen Schluck genommen hatten.

„Kein Gedanke. Wir anderen kennen uns schon seit einer Ewigkeit, seit dem College, genauer gesagt. Wir haben uns bei dem Route-66-Sammelpunkt in Chicago getroffen. Scott hat uns dort angelabert und uns eine Runde ausgegeben. Er wollte unbedingt mit uns mitfahren. Hat uns wohl für einen coolen Haufen gehalten. Ich war erst dagegen, aber der Junge gefiel Lisa wohl und sie hat solange herumgebettelt, bis ich schließlich ‚ja‘ gesagt hab.“

„Er scheint ja nicht viel für ältere Leute übrig zu haben.“ Steve schüttelte den Kopf. „Zu meiner Zeit …“

„Weißt du, Steve, ich glaube, der Kern des Problems liegt tiefer. Der Junge hat Schwierigkeiten damit, akzeptiert zu werden. Zuhause ist er das Söhnchen eines reichen und übermächtigen Vaters. Scott Raven senior – die Familie lebt übrigens in Chicago - ist der Inhaber der Raven Marts, der größten Baumarktkette östlich des Mississippi. Entsprechend schwer muss der Junge es haben, für voll genommen zu werden. Er soll demnächst in die Firma des Alten einsteigen und sie irgendwann übernehmen. Aber der Alte hat ihn wohl rausgeworfen, hat gesagt, er soll erst mal zum Mann werden. Er hat dem Sohn eine dicke Maschine gekauft und ihm gesagt ‚Du fährst jetzt solange da draußen herum, bis du genau weißt, was du im Leben eigentlich erreichen willst. Dann kannst du zurückkommen, aber keine Minute früher!‘ Der hat sich wohl von der ‚Geistsuche‘ der amerikanischen Ureinwohner inspirieren lassen, wer weiß. Jedenfalls wollte Junior hier gleich einen auf dicke machen und ist damit bei mir an den Falschen gekommen. In dieser Gang sage ich an, was gemacht wird und nicht so ein reiches Muttersöhnchen, das in seinem ganzen Leben noch keine zehn Stunden lang den Staub der Landstraße eingeatmet hat. Und dann kommst du, jemand, den er als ihm absolut unterlegen ansieht. Und du bekommst, was ihm, Mister Raven Mart junior, versagt bleibt: Meine Anerkennung. Das muss ihn gewaltig wurmen. Prost!“

Steve grinste schmerzhaft. „Prost! Weißt du, Gregg, du überraschst mich. Die Biker, mit denen ich früher unterwegs war, waren weder Philosophen, noch Psychologen. Du gefällst mir!“

„Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Also, wenn Scott sich nicht bis zu unserem Aufbruch bei dir entschuldigt hat, wird er nicht mit uns weiterfahren. Wir wollen übrigens früh raus morgen. Unser Etappen-Ziel ist Flagstaff, wo wir eine Art Basislager aufschlagen wollen. Du weißt schon, Meteor Crater, Grand Canyon, San Francisco Peaks und so weiter. Würde mich freuen, wenn du eine Weile mit uns fahren würdest.“

„Ach Gregg, dein Angebot ehrt mich, wirklich. Aber ich stehe nicht so gerne früh auf und ich muss auch keine Meilen fressen. Ich gehe es lieber gemütlich an. Soll ich mal mit Scott reden?“

„Naaa, heute nicht mehr. Pass auf, ich sag ihm, er soll morgen auf dich warten und sich in aller Form entschuldigen. Er darf erst nachkommen, wenn er die Sache zu deiner vollen Zufriedenheit geklärt hat. Sollten wir später von dir erfahren, dass er das nicht getan hat, so wird er sich wünschen, uns nie begegnet zu sein. Hey, Ginger!“ Gregg war aufgesprungen und wedelte mit den Armen. „Sind die Steaks endlich fertig? Bring mal zwei her, die medium sind – medium ist doch okay für dich, oder, Steve?“

Steve lachte und nickte. Innerlich fragte er sich jedoch, ob mediumgebratenes T-Bone-Steak ein Mahl war, das er seinen Dritten Zähnen ernsthaft zumuten durfte.


4 – Tomorrow Never Knows

That you may see the meaning of within

It is being, it is being

Als Steve am nächsten Morgen mit steifen Knochen aus der Türe seines Zimmers trat, waren die meisten Motorräder verschwunden. Er erinnerte sich daran, einen Block weiter östlich ein kleines Restaurant namens Rosie’s 24h-Diner gesehen zu haben und marschierte los. Seit vielen Jahren folgte er bereits der Gewohnheit, mindestens einen Kilometer am Tag zu laufen und warum nicht zur Abwechslung mal gleich vor dem Frühstück? Dort angekommen, bestellte er sich gebratenen Speck und Hash Browns mit Ketchup zum Kaffee.

Als er zurückkehrte, entdeckte er Scott, der gerade an Steves Harley herumfingerte. Erschrocken zog der Junge seine Hand zurück, als er Steve aus einer ganz anderen Richtung als der erwarteten kommen sah. Herausfordernd blickte er den alten Mann an, aber auch ein wenig verunsichert. Steve übernahm die Initiative, indem er sagte: „Ich glaube, wir beide sollten uns mal unterhalten. Was hältst du von einem kleinen Spaziergang?“

„Bringen wir’s lieber hier hinter uns.“ Scott deutete auf ein paar Stufen, die im Schatten des Vordachs lagen. Steve fühlte bereits bei dem Gedanken an einen so tiefen Sitz Schmerz in seinen Gelenken, aber er signalisierte Einverständnis. Die beiden setzten sich, aber einige Zeit lang sagte keiner der beiden ein Wort. Steve musterte sein Gegenüber. Die schwarzen Haare hingen strähnig und fettig in das blasse Gesicht, in dem eine überdimensionierte Nase das Erscheinungsbild dominierte. Wenn es nicht im Augenblick von einem verhärteten Gesichtsausdruck geprägt gewesen wäre, hätte man den jungen Mann ansonsten für ganz ansehnlich halten können mit seinen fein geschwungenen Lippen und den großen, blauen Augen, die einen reizvollen Kontrast zur Haarfarbe bildeten. Die ebenfalls schwarze Kleidung – speckig und stellenweise sogar zerrissen – zeugte von einem wenig ausgeprägten Pflegebedürfnis ihres Trägers. Einzig die Motorradstiefel schienen sich in noch relativ gutem Zustand zu befinden, wenn ihnen auch scheinbar erst kürzlich der Genuss einer ausgiebigen Staubdusche zuteil geworden war.

„Schwierige Situation, was?“, eröffnete Steve das Gespräch. „Einerseits willst du mit mir den Boden abziehen vor lauter Wut, aber andererseits musst du mich zufriedenstellen, damit du in der Gang bleiben kannst. Nicht einfach, was? Aber ich will es dir nicht so schwer machen. Reden wir doch einfach darüber, warum du mich so hasst.“

„Sie überschätzen Ihre Wichtigkeit für mich, alter Mann. Ich hasse Sie nicht. Sie gehen mir einfach nur auf den Senkel!“

„Weil ich, der ich eigentlich längst tot sein sollte, einen Platz einnehme, von dem du glaubst, dass er dir zusteht?“

Scott sah Steve wütend aus seinen blauen Augen an, was dieser als ein Zeichen nahm, dass seine Behauptung voll ins Schwarze getroffen hatte.

„Dazu gäbe es viel zu sagen“, fuhr Steve fort, als ob er diesen Blick nicht bemerkt hätte. „Erstens: Ein jeder wird älter. Ständig! Auch du! Die Zeit vergeht langsam, wenn du ein Kind bist, etwas schneller, sobald du dich zum Teenager entwickelt hast und läuft einem dann immer rascher durch die Finger, je älter man wird. Wenn du erst die 50 überschritten hast, brauchst du nur noch einen Blick auf die Uhr zu werfen, um festzustellen, dass schon wieder ein Jahr vorbeigerauscht ist. Und kaum hast du dich richtig versehen, bist du in meinem Alter. Zweitens: Bis vor kurzem wurden alte Leute hoch geehrt und in manchen Kulturkreisen ist das noch heute so. Willst du wissen, warum? Weil jemand, der so alt geworden ist, weiß, wie man überlebt. Das ist Wissen, das jeder gerne haben möchte. Aber du bist vermutlich noch zu jung, um dir Gedanken über das Überleben zu machen.“

„Vermutlich!“

„Gut! Dann lass uns doch über dich sprechen! Du denkst, dass du nicht den Respekt bekommst, der dir zusteht. Ist doch so, oder?“

„Und wenn schon?“

„Weißt du, Scott – ich darf dich doch Scott nennen, oder? Weißt du, Respekt bekommt man nicht einfach, man muss ihn sich verdienen.“

„Wissen Sie überhaupt, wer ich bin, Steve? Wissen Sie das?“

„Wovon redest du jetzt, von deiner Abstammung und den Verdiensten deines Vaters oder von dem, was du darstellst, was du geleistet hast?“

„Och, ihr Alten redet doch alle denselben Bullshit! Was geht es euch an, was ich aus meinem Leben mache?“

Steve runzelte die Stirn. „Glaub mir, ich weiß genau, wie du dich fühlst, weil ich nämlich zu meiner Zeit durch eine viel schlimmere Scheiße durchmusste als du.“

„Ja, das sagt ihr Gestrigen auch alle. Kommen dann mit ihren Geschichten vom Krieg und wie schlimm doch alles war. Dass alles viel schlechter gewesen ist und dass wir froh sein sollen, weil wir es so gut haben. Ersparen Sie mir bloß dieses olle Gesülze!“

„Du bist so ein arroganter Narr! Du weißt nicht das Geringste!“

„Ach ja? Dann klären Sie mich doch auf? Was war so Besonderes an Ihnen, dass Sie sich einbilden, verstehen zu können, wie ich mich fühle, hä?“

„Na gut, warum nicht? Ich wurde, als ich in deinem Alter war, von allen gemieden, weil ich anders war, als alle anderen um mich herum.“

„Ja, und? Hatten Sie etwa einen Kuhschwanz am Arsch?“

Steve lachte auf.

„Ich glaube, die Variante mit dem Kuhschwanz hätte mir besser gefallen. Nein, ich hatte ein … ganz merkwürdiges Erlebnis. Eines von dem ich denke, dass du es nicht glauben können wirst. Ein Erlebnis, das einerseits wunderbar war, andererseits erschreckend und … naja!“

„Versuchen Sie mich!“

„Na gut, warum nicht? Ich war ursprünglich einmal eine ganz andere Person. Mein Körper ist der des amerikanischen Farmersohns Steve Pennyman während in meinem Kopf die Seele des deutschen Soldaten Frank Neufeld existiert. Als letzterer im Sterben gelegen ist, hat es eine Art … Körpertausch gegeben. Ich bin irgendwie in Steves Körper gelangt und Steve in den meinen, aber der ist leider Sekunden danach an einer Schusswunde gestorben. Jahrelang bin ich von Ärzten und Psychiatern als Forschungsobjekt missbraucht worden. Kannst du dir vorstellen, wie das ist, wenn du tagaus, tagein begafft wirst wie ein Kalb mit zwei Köpfen? Ständig bin ich eingesperrt gewesen und habe die verrücktesten Experimente über mich ergehen lassen müssen. Es gibt nichts Schlimmeres, als bei klarem Verstand in eine Psychiatrische gesteckt zu werden. Ich habe eine Ewigkeit gebraucht, um die englische Sprache zu erlernen und mich hier zurechtzufinden und ich habe noch mehr Jahre gebraucht, um schließlich von den Leuten rundherum für voll genommen zu werden. Das war ein Kampf ums Überleben.“

Scott lachte höhnisch auf. „Körpertausch, ist schon klar. Gott hat ein Wunder gewirkt, durch das ausgerechnet Sie überlebt haben. Glaub ich Ihnen sofort. Mann, Sie sind ja nicht mehr ganz auf der Rolle.“

„Das war kein ‚Wunder‘“, entgegnete Steve etwas zorniger als beabsichtigt. „Ich selbst habe das irgendwie bewerkstelligt. Später habe ich es noch einmal probiert, bei zwei mich behandelnden Ärzten. Hinein in ihren Körper und gleich wieder zurück. Die haben anschließend beide ohne Angabe von Gründen den Dienst quittiert.“

„Huh, jetzt fürchte ich mich aber! Wissen Sie was, alter Mann? Ich glaube Ihnen kein Wort. Sie finden einfach keine Argumente, deshalb erfinden Sie billige Lügenmärchen.“

Steve wurde langsam so richtig wütend. „Das sind keine Lügen …“

„Dann beweisen Sie es! Los, Mann! Beweisen Sie es und labern Sie mich nicht mit leeren Phrasen voll!“

„Das willst du nicht wirklich!“

Scott sprang auf und deutete mit allen Fingern seiner beiden Hände auf seine Augen.

„Doch, doch, ich will es! Gib’s mir, Baby, gib’s mir! Gib mir deine Seele rüber oder halt … dein … verdammtes … Maul … für immer! Du bist ja so ein Pfadfinder!“

„Wenn du drauf bestehst! Sieh mir in die Augen, wenn du den Mut dazu aufbringst!“

„Mut? Wer braucht Mut, nur um dir in die Augen zu sehen? Mann, du …“

Mit einem Schlag verstummte Scott. Sekunden später zuckte er mit den Achseln und rief: „Na, glaubst du mir jetzt?“ Dann schlenderte er gemütlich zu Scotts Motorrad, welches zur Abreise bereit im Hof stand und setzte sich mit so viel Schwung darauf, dass er beinahe auf der anderen Seite wieder herunter gepurzelt wäre.

„Was … was hast du an meiner Maschine zu schaffen?“, fragte Steve. Er wollte sich erheben, plumpste aber sofort mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder auf sein Gesäß.

„Ich fahr jetzt los. Wenn du deinen Körper wiederhaben möchtest, musst du mich schon einholen. Wir sehen uns in Flagstaff!“ Dann steckte er den Zündschlüssel ins Schloss einer nagelneuen, deutschen BMW K 1200 GT, drückte den Anlasser, legte den ersten Gang ein und brauste mit aufheulendem Motor (und einer gelinden Überraschung über das ungewohnte Beschleunigungsmoment) der Interstate 40 entgegen.

Steve fühlte sich großartig in Scotts Körper. Ganz so, als könnte er Bäume ausreißen. Ach was, Bäume, SEQUOIAS! Er konnte ohne Brille absolut scharf sehen und die Farben leuchteten in einer Intensität, wie ihm das nie zuvor aufgefallen war. Das Geräusch des brausenden Windes und des mächtigen Motors drangen satt und ungestüm an seine Ohren. Er fühlte unbändige Kraft in seinem Körper und einen unerschöpflichen Vorrat an Energie. Er musste sich bewegen, tanzen, feiern, er musste, ja, er musste eine Frau haben. Ein unglaubliches Gefühl! Warum war ihm als Jugendlichem nie aufgefallen, wie schön diese Welt war! Wie klar und frisch diese Luft! Wie herrlich die Wärme der Sonne. Steve kontrollierte im Rückspiegel, ob Streifenwagen unterwegs waren, und drehte das Gas auf. Höchstgeschwindigkeit 70 Meilen pro Stunde in Texas? Na und? Jetzt wollte Steve erst einmal wissen, was die Maschine von Mister Raven Mart junior so alles drauf hatte. 100 Meilen pro Stunde, 110, 120, 130? Mann! Und noch immer war das Bike nicht am Ende seiner Kapazität angelangt. Steve brach den Geschwindigkeitstest unvermittelt ab. Wie musste Scott sich nun fühlen im Körper von Steve? Beschissen vermutlich. Wenn die Beschwerden des Alters langsam, über die Jahre verteilt kommen, dann ist der Übergang gleitend und somit halbwegs erträglich. Aber so? Der Junge war innerhalb einer Sekunde um 60 Jahre gealtert. Er musste vollkommen hilflos, vollkommen verzweifelt sein.

Steve drosselte das Tempo auf die erlaubten 70 Meilen pro Stunde.

Außerdem hatte er nicht das Recht, sich die Jugend eines anderen auszuleihen. Er hatte seine Zeit und seine Chance gehabt, aber das war nun vorbei. So verführerisch die Aussicht auch war, mit dieser Fähigkeit des Körpertauschs sein Leben beliebig zu verlängern und sich ewige Jugend zu versichern, so falsch und pervers war die Idee auch. Nicht alles, was man tun konnte, durfte man auch tun! Den Körper und die Jugend eines anderen zu „borgen“, hieß, ihm die Jugend und das Leben zu stehlen. Und dafür gab es ein Wort: Mord! Und auf Mord stand nicht nur hier in Texas die Todesstrafe. Mord war ein Verbrechen, ein Kapitalverbrechen gar. Und Steve wollte kein Verbrecher sein. Lediglich eine Lektion hatte er dem Burschen erteilen wollen, ihn Demut lehren und das war ihm vermutlich gelungen. Schluss jetzt mit dieser Scharade!

Steve vergewisserte sich im Rückspiegel, dass niemand auf der Überholspur war, und bog nach links auf den breiten Grünstreifen ein, der die beiden Fahrbahnen der Interstate 40 voneinander trennte. Er wartete geduldig, bis die Gegenfahrbahn frei war, dann schwenkte er hinauf und fuhr zurück nach Amarillo. Fünfzehn Minuten später bog er in den Hof des Motels ein, in dem er diese Nacht geschlafen hatte. Jedoch keine Spur von Steve. Und keine Spur von seiner alten Harley. Verdammt! Eine unangenehme Hitze stieg in seinem Bauch auf. Wo mochte der Kerl nur hin sein? Er beschloss, den Eigentümer des Motels zu fragen, erhielt aber nur eine achselzuckende Antwort. Verdammt, verdammt, verdammt! War der Idiot ihm vielleicht gefolgt? Nein, das wäre ihm aufgefallen. Bei der Rückfahrt hierher hatte er die gegenüber liegende Fahrbahn in Richtung Albuquerque ebenso im Auge behalten wie die alte I-40 Frontage Road unmittelbar daneben. Scott musst irgendwo anders hin gefahren sein. Aber wohin? Denk nach, Mann! Wo würde ich in einer solchen Situation hinfahren? Nein, ganz falsch, wo würde ein Typ wie Scott in einer solchen Situation hinfahren? Mann, ich habe nicht die geringste Ahnung! Zur Polizei? Bestimmt nicht! Die würden ihm kein Wort glauben. Zu den Eltern? Hmmm. Ja! Wohin sonst? Also auf nach Chicago! Steve durchsuchte noch die beiden Zimmer, in denen er beziehungsweise Scott geschlafen hatten, fand aber nichts mehr. Scott musste immerhin geistesgegenwärtig genug gewesen sein, sein – respektive Steves – Gepäck einzusammeln und mitzunehmen … wohin auch immer.


5 – What You’re Doing

I've been waiting here for you,

Wond'ring what you're gonna do

Steves Laune war auf einem Tiefpunkt angelangt. Was eine harmlose Belehrung hätte werden sollen, hatte sich zu einer ausgewachsenen Krise entwickelt. Zudem war das Wetter umgeschlagen und es regnete schon den ganzen Tag lang in Strömen. Zuerst war er der Interstate 40 zurück nach Osten gefolgt, hatte Scott aber nicht gefunden, obwohl dessen BMW-Motorrad deutlich mehr Geschwindigkeit hergab, als seine alte Harley. Er hätte ihn einholen müssen! Aber vielleicht hatte er ihn auch überholt! War vorbeigerast, als Scott sich gerade in irgendeinem Café ausgeweint oder in irgendeinem Supermarkt mit neuen Lebensmitteln versorgt hatte. Also hatte Steve es sich unter der Veranda eines verlassenen Hauses am Rande der I-40 bequem gemacht, um alle vorbeifahrenden Motorräder daraufhin abzuchecken, ob einer von ihnen Scott war. Währenddessen hatte er dessen Taschen ausgeleert und dessen Eigentum durchgesehen. Immerhin kannte er nun dessen genaue Adresse, denn die stand auf der Fahrerlaubnis. Ansonsten hatte er eine Kreditkarte – American Express Platinum - (die er unfreiwillig benutzen musste, aber Scott würde wohl dasselbe mit seiner machen), Ausweis, Fahrzeugpapiere, ein paar Fotos von dessen Familie und Freundin und … ein Handy! Ein Handy? Steve hatte sich nie eines gekauft, denn er empfand es als eine Zumutung, rund um die Uhr erreichbar sein zu sollen. Aber Scotts Handy zu besitzen, konnte jetzt wichtig sein. Er brauchte etwa zehn Minuten, um sich mit der Bedienung des Nokias vertraut zu machen, wählte dann aus dem integrierten Adressbuch den Eintrag „Mom“ und klickte auf „Anrufen“. Ein paar Male hörte er das Freizeichen, dann antwortete eine schrille weibliche Stimme: „Hi, mein Liebling, wie mich das freut! Warum hast du so lange nichts von dir hören lassen? Sag, geht es dir gut? Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ja … Mom!“

Steve musste sich erst an seine neue Stimme gewöhnen. Und daran, eine wildfremde Frau, die vermutlich seine Tochter sein könnte, „Mom“ zu nennen! Aber da musste er durch.

„Sag mal, woher weißt du eigentlich, dass ich das bin?“, fragte er skeptisch.

„Na, deine Telefonnummer wird doch auf dem Display des Anrufbeantworters angezeigt, mein Herzchen. Oder kennst du sonst noch jemanden, der mit deiner Telefonnummer anruft. Sag, wie geht es dir?“

Ah, die Rufnummernübermittlung funktioniert also auch bei Handys. Gut zu wissen!

„Wie man es nimmt, Mom. Es ist alles in Ordnung mit mir, aber ich hatte da ein ganz merkwürdiges Erlebnis. Da draußen läuft so ein verrückter alter Mann herum, der behauptet, er wäre ich. Ich muss ihn unbedingt finden.“

„Ach was, so etwas gibt es doch gar nicht. Du willst deine arme Mutter wieder mal auf den Arm nehmen.“

„Bestimmt nicht, Mom! Ich sage dir, das war ziemlich gruselig. Aber der Arzt, der ihn behandelt, sagt, dass der Mann nur durch eine Konfrontation mit mir geheilt werden könnte. Aber jetzt ist der Alte verschwunden. Bei dir oder Dad hat er wohl nicht zufällig angerufen?“

„Ach du meine Güte, nein, nicht dass ich wüsste.“

„Mom, du musst mir einen Gefallen tun! Sollte der Mann sich melden, dann lass dir unbedingt sagen, wo er steckt. Ich fahr dann hin und versuche, ihm zu helfen. Oder, wenn er –was der Arzt vermutet hat – gar bei euch in Chicago aufkreuzt, müsst ihr ihn solange festhalten, bis ich da bin. Das ist eminent wichtig. Verstehst du das, Mom?“

„Aber ja, mein Junge. Ach, ich bin ja so stolz auf dich, dass du anfängst, Anteil am Schicksal anderer Leute zu nehmen. Sag, wann kommst du wieder nach Hause?“

„Ich bin bereits auf dem Weg zurück. Wie gesagt, ich versuche, diesen Herrn so rasch zu finden wie möglich und er ist wohl auf dem Weg zu euch. Eigentlich wollte ich ja erst mal nach L.A., aber das muss wohl warten.“

„Oh, ich freu‘ mich ja so, mein Scotty! Ich sag gleich deinem Vater Bescheid. Sag, brauchst du irgendetwas? Hast du genug Geld? Ziehst du dich auch immer warm genug an?“

„Ja, ja, Mom, alles in Ordnung. Wir sehen uns dann!“

„Ich kann’s kaum erwarten. Ich liebe dich, Scotty!“

„Ich dich auch, Mom.“

Steve drückte den roten Knopf und unterbrach so die Verbindung. So waren Mütter also. Nervig. Rührend. Liebend. Eine Träne lief ihm die Wange herab. Wieder sah er seine eigene Mutter vor sich stehen: blond, mit langen Zöpfen, die ihr an beiden Seiten bis an die Hüften fielen und mit ihrem weiten Reifrock, dennoch nicht mehr als eine verschwommene Kindheitserinnerung. Sie hatte ihm ja so viel vorenthalten damit, dass sie spurlos verschwunden war, als er erst drei Jahre alt gewesen war!

Keine Zeit jetzt für Sentimentalitäten, zurück in die Realität, Steve! Jetzt müssen Entscheidungen getroffen werden. Priorität Nummer eins: Scott finden! Aber bis dahin muss ich aufhören, wie Steve zu denken und mich wie Steve zu benehmen. Ich muss jetzt Scott sein. Ich bin jetzt Scott! So wahr mir Gott helfe …

Scott, also Steves Geist in Scotts Körper, benötigte etwas mehr als zwei Tage für die 1.061 Meilen von Amarillo, Texas nach Chicago, Illinois. Ursprünglich hatte er vorgehabt, die Route schnellstmöglich hinter sich zu bringen, zumal er in dem jugendlichen Körper nun die dafür erforderliche Konstitution besaß. Aber er konnte wider bessere Vernunft nicht davon ablassen, an Motels nach seiner alten 1964er Harley-Davidson Ausschau zu halten oder an Tankstellen nach einem schrulligen alten Mann zu fragen – leider bislang vergeblich.

Einen zusätzlichen Stopp hatte er eingelegt, um sich ein Set neuer Klamotten zu kaufen. Diejenigen, die Scott am Leibe getragen hatte, hatten ihn richtiggehend angewidert. Schwarzes, speckiges Zeug mit einer Menge Löcher darin. Das sollte wohl Coolness ausstrahlen und jedem zeigen, dass ihr Träger nicht gewillt war, sich Konventionen zu unterwerfen, aber auf Steve wirkten sie einfach nur ekelerregend. Von der dreckigen und offensichtlich mehrfach getragenen Unterwäsche ganz zu schweigen. Er hatte das Zeug einfach loswerden und in zivilisierte Kleidung schlüpfen müssen. Scott würde ihm diese „Extravaganz“ sicher verzeihen, sobald er seinen Körper wiederhatte. Nun trug Scotts Körper also eine dunkelblaue Levi‘s, ein weißes T-Shirt und darüber – um nicht völlig aus der Rolle zu fallen – eine neue, saubere, schwarze Lederjacke. Selbstredend hatte er auch Shampoo gekauft und sich erst einmal gründlich all das streng muffelnde Fett (oder war es gar alte Pomade?) aus dem Haar gewaschen. Am liebsten hätte er es gleich abschneiden lassen, aber das wollte er dem richtigen Eigentümer seines geborgten Körpers dann lieber doch nicht zumuten.

Eine Nervosität hatte von ihm Besitz ergriffen, wie er sie sonst nicht an sich kannte. Scheinbar empfand man auch Gefühle jeglicher Art umso intensiver, je jünger man war. Ja, die Jugend hatte schon eindeutig ihre Vorzüge, aber das Alter ebenso. Er wünschte sich, ein wenig von seiner alten Gelassenheit abrufen zu können, aber die Hormone in dem jugendlichen Körper ließen ihn nicht zur Ruhe kommen.

Einen Teil trug sicherlich auch die Tatsache zu seiner Nervosität bei, dass die Stunde der Wahrheit nahte. In Kürze würde er im Domizil der Ravens eintreffen und die Rolle eines Menschen spielen müssen, der ihm so fremd war wie dem Neandertaler die Raumfahrt. Aber es war beschlossen, er war Scott! Aber so einfach war das nicht. Er hatte beispielsweise eine Polizeistreife nach dem Weg zur Old Sutton Road gefragt, in der sich das gesuchte Anwesen befand. Der Officer hatte nicht begreifen können, warum ein so junger Bursche nicht mit dem Navigationsgerät auf seiner BMW umgehen konnte und hatte ihm bei der Eingabe der Adresse geholfen. Danach war es ganz einfach gewesen, die Anschrift zu finden. Scott bog in die breite Auffahrt ein und fuhr bis unmittelbar vor die Haustüre, wo das Gerät ihm mitteilte, dass er seinen Bestimmungsort erreicht hätte. Meinen Bestimmungsort! Herrje! Diese Hütte ist so riesig, dass ich wahrscheinlich noch vierzig Jahre an der Universität unterrichten hätte müssen, um mir nur einen einzigen Flügel dieses Hauses leisten zu können. Da er die Gepflogenheiten des Hauses nicht kannte, hupte er einfach ein paarmal, bevor er den Motor abstellte. Nötig wäre dies aber wohl nicht gewesen bei der Menge der Überwachungskameras, die hier überall angebracht waren. Immerhin kannte er die Gesichter von Scotts Familie von den Fotos, die in seinen Motorradtaschen gesteckt hatten, sodass er kein Problem damit haben dürfte, jeden im Haus mit dem richtigen Namen anzusprechen. Schwieriger war das schon bei der Freundin: Von der war zwar auch ein Foto da, aber das Mädchen hatte sich nicht mit ihrem Namen auf dessen Rückseite verewigt, sondern nur mit einem … Kussmund. Aber immer ein Problem nach dem anderen! Die Türe der höchst luxuriös wirkenden Villa wurde geöffnet und eine leicht rundliche Mittvierzigerin stürmte mit ausgebreiteten Armen auf Scott zu. Na dann!


6 – You Know My Name (Look up the Number)

You know my name

That's right

Yeah.

„Also, in meinen Augen ergibt das alles keinen Sinn! Es beginnt damit, dass ich noch nie von einem solchen Krankheitsbild gehört habe. Wenn der Typ wirklich schizophren ist, dann wird ein Treffen mit dir ihn auch nicht heilen können. Und selbst, wenn dies im Bereich des Möglichen wäre, dann gibst du deinem Leben ganz bestimmt nicht dadurch einen Sinn, dass du hier auf ihn wartest.“

„Ja … Dad!“

Scott/Steve fiel es schwer, den Mann im Sessel gegenüber, der so ein ganz anderer Typ als sein eigener Vater war, mit „Dad“ anzusprechen. Er behalf sich mit einem Trick: Mister Raven war in seiner Vorstellung auf den Vornamen „Dad“, Mrs. Raven auf den Vornamen „Mom“ getauft worden. Familie Dad Raven. So ging es!

„Mal was ganz anderes, Scotty! In vier Monaten feiert die Firma ihr 25-jähriges Jubiläum. Ich habe mir gedacht, dass dies ein wunderbarer Anlass wäre, dich als meinen Teilhaber und Partner in der Geschäftsleitung zu präsentieren. Was sagst du dazu?“

Ein Schreck durchzuckte Scott. Das letzte, was er wollte, war das Leben des echten Scott führen. Eine Baumarktkette leiten? Bestimmt nicht! Darüber hinaus war diese Entscheidung dem wahren Scott vorbehalten, sobald dieser wieder in seinem originalen Körper steckte.

„Weißt du, Dad … ich danke dir sehr für diese Ehre und das Zeichen deines Vertrauens, aber … dafür brauche ich noch ein wenig Bedenkzeit. Ich hatte auf dieser Tour viel Zeit, nachzudenken und … ich glaube inzwischen, dass du völlig recht hattest, Dad. Ich sollte erst einmal zu einem richtigen Mann werden, bevor wir uns über so wichtige Dinge wie die Firma den Kopf zerbrechen. Vielleicht sollte ich erst einmal lernen zu dienen, bevor ich anfange zu herrschen.“

Mister Raven starrte seinen Sohn mit weit geöffneten Augen an. „Mein Gott, dieser kleine Motorrad-Trip hat dich weit mehr verändert, als ich das je für möglich gehalten hätte. Das ist mir schon an deinem Äußeren aufgefallen, als du hier angekommen bist. Vielleicht immer noch nicht perfekt für ein Dinner beim Gouverneur, aber ein Riesen-Fortschritt im Vergleich zu dem Schmuddel-Look von vorher. Aber dennoch, das mit dem Dienen siehst du falsch, Junge. Als Inhaber einer Baumarktkette herrsche ich nicht nur, sondern ich diene auch! Ich diene meinen Kunden, indem ich sie mit all den tollen Teilen versorge, die sie täglich benötigen, um sich das Leben schöner zu machen. Sie werden zufriedener und glücklicher, weil ich ihnen ermögliche, ihre eigenen vier Wände nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Und das zu einem unschlagbar günstigen Preis!“

„Ja, aber auf Kosten deiner Angestellten. Ich habe mal gelesen, dass Raven Mart bei der Selbstmordrate unter den Angestellten in den Top-10 der Statistik für die gesamten Vereinigten Staaten steht.“

„Na und? Was kann ich denn für die Probleme meiner Angestellten? Wer anständig arbeitet, bekommt auch ein anständiges Gehalt. Wer sich drückt, fliegt. Das ist der American Way of Life. Außerdem, bei zu viel Großzügigkeit kann ich die niedrigen Preise nicht halten, die Kunden wandern ab, die Umsätze gehen zurück, die Rentabilität geht in den Keller und das war’s dann. Dann verlieren alle ihren Job.“

„Mag ja sein. Aber ich weiß nicht, ob ich auf Dauer so leben will …“

„Ach ja? Aber die Kreditkarte, das Motorrad, jedes Jahr ein neuer Computer, etcetera, all das hat dich doch bisher nicht gestört! Sag mal, du bist doch nicht zufällig ein Kommunist geworden da draußen?“

„Kommunist? Dad, weißt du überhaupt, was das ist, ein Kommunist?“

„Wie redest du denn mit deinem Vater? Natürlich weiß ich, was das ist. Das sind gefährliche Leute, die die Reichen, also diejenigen, die das gesamte Wirtschaftssystem stützen, arm machen wollen und das Vermögen dafür denjenigen, die nichts tun, in den Rachen schieben wollen. Die wollen unser Wirtschaftssystem ruinieren und unsere Lebensweise. Das sind Kommunisten.“

„Also wirklich, Dad! Das ist doch Unsinn. Das muss man doch aus dem historischen Kontext heraus betrachten …“

Das Telefon, ein schwarz glänzender Apparat in dem Design der siebziger Jahre, mit Wählscheibe, klingelte schrill. Mrs. Raven, die auf dem Sofa neben dem Beistelltischchen saß, auf dem das Telefon stand, nahm in einer anmutigen Bewegung den Hörer ab und fragte „Ja, bitte?“

Die beiden Männer konnten nicht hören, was der Anrufer sagte.

„Ja, das hier ist der Anschluss von Familie Raven. Woher haben Sie eigentlich diese Nummer? Die ist doch geheim!“, echauffierte sich Scotts Mutter.

„Regierungsbehörde? Und was verschafft uns die Ehre? … Scott? … Nein, Scott wird natürlich nicht vermisst … Nein, er ist hier, hier bei uns … Ja, alles in Ordnung … keine Ursache … Auf Wiederhören.“

Scott war das Blut in den Kopf geschossen. Und es hatte Bilder mitgebracht, Bilder, die er schon immer vergeblich hatte verdrängen wollen: Bilder von Ärzten in weißen Kitteln, die erst ihn, dann ihre Kollegen bedeutungsvoll ansahen. Ärzte, die ihm nicht glaubten, die mit ihm sprachen, wie mit einem Kleinkind und die ihn für komplett geisteskrank hielten. Ärzte, die ihn für Jahre wegsperrten und ihn quälten und an ihm ihre widerlichen Experimente durchführten, ihn folterten und demütigten. Er musste weg hier!

„Wer war denn das?“, fragte „Dad“ Raven.

„Ich weiß auch nicht so genau. Irgendeine Regierungsbehörde. Welche genau, hab ich nicht verstanden, der Mann hat so schnell gesprochen. Sie wollten wissen, ob unser Sohn vermisst wird“, antwortete die Mutter.

„Sehr merkwürdig. He, Scott! Wo willst du denn hin?“

„Meinen Motorradtrip zu Ende bringen. Du weißt schon, die Route 66 bis nach Los Angeles. Wir sprechen, sobald ich zurück bin, okay, Dad? Und ihr ruft mich an, sobald dieser verrückte Alte auftaucht, ja?“

„He, warte doch mal, Junge! Du hast doch nicht etwa irgendetwas ausgefressen …“

Scott ließ die Türe hinter sich ins Schloss fallen und schwang sich auf sein Motorrad. Er startete es und bemerkte ein blinkendes orangefarbenes Licht auf seiner Instrumentenanzeige. Verdammt, ich fahre ja nur noch auf Reserve. Hab ich gar nicht gemerkt, vorhin. Muss rasch eine Tankstelle finden und dann weg hier!

Als Scott gerade seine Tankfüllung bezahlen wollte, vibrierte das Handy in seiner Brusttasche. Er holte es heraus und sah auf das Display. „Dad“ stand in der Mitte, im Hintergrund das Foto des besagten Mannes. Scott drückte auf „Annehmen“.

„Scott, wir müssen reden. Jetzt! Ich muss wissen …“

„Dad, entschuldige bitte, aber jetzt passt es gerade gar nicht. Ich rufe zurück, sobald ich kann. Bis bald!“

Scott wollte das Mobiltelefon gerade in die Tasche zurückschieben, als ein neuer Anruf einging – wieder von „Dad“. Meine Güte, der will es einfach nicht begreifen. Scott drückte auf „Ignorieren“ und schaltete das Handy danach vollständig ab. Dann reichte er dem Mitarbeiter an der Tankstelle seine Kreditkarte. Wie gut, dass er schon in Texas angefangen hatte, Scotts Unterschrift zu üben!

Gerade wollte er den Zündschlüssel umdrehen, als plötzlich der Missklang quietschender Reifen seine Aufmerksamkeit weckte. Vier schwarze Limousinen bogen mit hoher Geschwindigkeit in die Old Sutton Road ein – in die Richtung, aus der er soeben gekommen war. Was die nur dort so eilig zu schaffen haben, da gibt es doch nichts außer ein paar Villen und … verdammt, die sind wegen mir da! Schon! Die verfolgen mich bereits!

Aber wie um alles in der Welt war das möglich? Ob man Steves Körper gefunden hatte? Aber, falls ja, bedeutete das, dass man ihm die Geschichte vom Körpertausch dieses Mal glaubte? Der Name Steve Pennyman war schon einmal in einem solchen Zusammenhang bekannt geworden, aber damals hatte man ihn für einen psychisch Kranken gehalten. Was, wenn die nun überzeugt waren, dass hier tatsächlich ein Mensch herumlief, der nach Belieben den Körper mit jemand anderem tauschen konnte? Was, wenn sie ihn wieder analysieren und sezieren würden, um herauszubekommen, wie er das machte? Was, wenn sie ihn … ein Leben lang wegsperren würden aus Angst, dass er eine latente Gefahr für seine Mitmenschen darstellt? Und von welcher ominösen Regierungsbehörde war der Anruf bei „Mom“ Raven ausgegangen? Ministerium für Innere Sicherheit? Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste? FBI? Steve wollte es letztlich gar nicht wissen, denn etwas Gutes hatte er von keiner dieser Behörden zu erwarten.

Die Leute in den schwarzen Autos würden schon sehr bald dahinterkommen, dass der Vogel, den sie zu fangen gedachten, bereits ausgeflogen war. Und dann würden sie auch hier suchen. Er musste weg und zwar schleunigst! Aber wohin nur? Der Route 66 konnte er keinesfalls folgen, denn dort würden sie zuerst nach ihm suchen. Immerhin hatte er „Mom“ und „Dad“ Raven erzählt, dass er nach L.A. wollte. Außerdem, innerhalb der USA würden sie ihn sofort aufstöbern, sobald er die Kreditkarte benutzte oder das Handy wieder einschaltete. Er musste die Staaten also verlassen! Verdammt, verdammt! Aber welche Wahl blieb ihm denn? Sich lebenslänglich wegsperren und untersuchen lassen? Nein, er musste weg von hier! Aber das ging nur auf dem Landweg, also konnte er nur nach Mexiko oder Kanada. Nach Mexiko war es zu weit, erst recht, wenn er sich weitab der Route 66 halten musste. Also auf nach Kanada! Aber erst wollte er sich in der City so viel Bargeld wie möglich besorgen. Los jetzt!

Scott folgte der Beschilderung in Richtung „Downtown“. Wie immer faszinierte ihn beim Näherkommen die glitzernde Chicagoer Skyline, die sich inzwischen mindestens ebenso imposant präsentierte, wie die von Manhattan. Wenn er sich im dichten Verkehrstreiben hielt, würde er vermutlich am wenigsten auffallen. In der Adams Street, beinahe gegenüber dem Willis Tower, entdeckte er schließlich einen Geldautomaten. Er wollte sein Motorrad gerade in einer Lücke am Straßenrand abstellen, als er sich bewusst machte, dass diese Abhebung bei dieser ominösen Regierungsstelle sicherlich einen Alarm auslösen würde. Das würde womöglich dafür sorgen, dass die Fahndung auf Chicago konzentriert wurde, im Zuge derer er die Stadt womöglich gar nicht mehr verlassen konnte. Nein, er musste etwas tun, was niemand von ihm erwartete. Er musste zumindest ein paar Stunden hier in Chicago bleiben, bis die erste Aufregung sich gelegt hatte. Aber er konnte nicht in ein Hotel, denn die würden seine Personalien aufnehmen, seinen Ausweis einsehen und die Gästedaten womöglich prompt der Polizei melden müssen. Er würde also eine Unterkunft brauchen, die etwas … diskreter mit den Personalien ihrer Kunden umgehen würde. Hatte ihm nicht vor Urzeiten mal ein Kollege anlässlich eines Symposiums ein Etablissement empfohlen, das hier gleich um die Ecke liegen sollte? Bisher hatte er es verschmäht, solche einschlägigen Dienste in Anspruch zu nehmen, aber das hier war immerhin ein Notfall. Und sein neuer Körper hatte definitiv Lust auf eine solche Ablenkung. Beschlossen!

Er stellte seine Maschine in einer Tiefgarage mehrere Blöcke von dem Geldautomaten entfernt ab und ließ auch den Helm dort zurück. Nachdem er mehrere Straßenblöcke zu Fuß marschiert war, stand er wieder vor dem Automaten. Kurz entschlossen führte er die Kreditkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz ein und tippte eine fünfstellige Geheimnummer ein. Scott hatte diese freundlicherweise im Münzfach seines Portemonnaies aufbewahrt. Der Apparat surrte ein wenig. Auf dem Display wurde der Betrag abgefragt und Scott gab 4.000 $ ein – die Summe, die als höchstmöglich angezeigt wurde. Mit dem besten Vorsatz, den Betrag baldigst möglich zurückzuzahlen bestätigte er, dass er sicher war, dies tun zu wollen und wartete. Das Warten schien eine halbe Ewigkeit zu dauern und Scott wippte nervös von einem Fuß auf den anderen, sich immer wieder in alle Richtungen umsehend. Schließlich surrte der Apparat wieder und warf die Kreditkarte aus. Scott nahm diese sofort wieder an sich. Gleich darauf öffnete sich die Geldausgabe und er griff nach dem dicken Bündel Scheine darin.

Anschließend überquerte er die Adams Street so eilig, dass er beinahe von einem Chevrolet Pick-up überfahren worden wäre und betrat den berühmten Willis Tower. Beim Warten auf die Geldausgabe hatte er gegenüber ein Restaurant entdeckt, von dem aus man einen hervorragenden Ausblick auf die Straße haben musste. Er wollte das berühmte Gebäude soeben betreten, als er wieder quietschende Reifen vernahm. Rasch schlüpfte Scott durch die Türe und begab sich per Rolltreppe in das erste Obergeschoss, wo sich das Restaurant befand. Er zog seine Lederkluft aus, gab diese an der Garderobe ab und ließ sich von einer adretten Dame zu einem Tisch am Fenster geleiten. Er nahm die Speisekarte an sich und hielt sie sich geöffnet vor den Kopf. Nur seine Augen sahen oben heraus und blickten auf die Stelle, an der er soeben Geld abgehoben hatte. Nun bestand kein Zweifel mehr. Man war definitiv hinter ihm her! Und die Jungs waren richtig schnell! Zwei schwarze Limousinen waren auf den Bürgersteig gefahren, die eine aus Osten, die andere aus Westen kommend. Neben dem Geldautomaten standen vier schwarz gekleidete Herren, die heftig gestikulierten. Sie trugen allesamt gespiegelte Sonnenbrillen, was angesichts der einsetzenden Dunkelheit mehr als auffällig war. Schließlich musterten sie aufmerksam die gesamte Straße. Einer stampfte fluchend auf den Boden auf, bevor er wieder ins Auto stieg.

„Darf ich Ihnen einen Aperitif bringen?“, fragte eine helle, weibliche Stimme.

Scott sah erschrocken auf und bestellte, ohne in die Karte geblickt zu haben, einen Manhattan Brooklyn und dazu ein stilles Wasser. Danach blickte er wieder auf die Straße. Die beiden Autos waren verschwunden. Offensichtlich hatten deren Insassen nicht einmal im Traum daran gedacht, dass sich der Gesuchte noch in unmittelbarer Umgebung aufhalten würde. Gut so! Am ganzen Körper zitternd ging er die Speisekarte durch. Nach solch einem Schock brauchte er etwas Kräftiges.

Er hatte Lust auf Spare Ribs, aber etwas derart Triviales schien in diesem Haus nicht serviert zu werden, es sei denn unter einem der vielen französischen Namen, welche auf der Karte standen und von denen er nur etwa die Hälfte kannte. Schließlich bestellte er ein Entrecôte double Café de Paris mit Kartoffelkeilen à la Provence für satte 34 $. Nicht gerade eine Mahlzeit, die er sich häufig gönnte, aber auf diesen Schreck … Und nach dem Essen musste er in jedem Fall daran denken, entgegen seinen Gepflogenheiten mit Bargeld zu bezahlen!


...

Comments